Chor-Denken 3 | Chor und Sorge

gesellschaften

 Mit Sebastian Kirsch und Ulrike Haß  

So. 17.10.21 | 19:00 | Einlass 18:30

INDOOR + SREAMING

Eintritt frei | Für den Zutritt gilt die 3G-Regel 

Viele neuere Theaterformen teilen ein auffälliges Interesse an chorischen Praktiken. Diese Aktualität des Chores, der zunächst vor allem an die Tragödie und die griechische Antike denken lässt, mag auf den ersten Blick überraschen. Bei näherem Hinsehen ist sie aber keineswegs verwunderlich: Nicht nur waren Chöre historisch immer wieder verbunden mit Prozessen der „Gefügebildung“, in den überlieferten antiken Stücken begegnen sie auch als Träger von unterschiedlichstem „Umgebungswissen“, das dort im Regelfall mit kosmologischen und mythologischen Wissensformen zusammenhängt. Mit beiden Stichworten, Gefüge und Umgebung, sind aber Diskurse berührt, die Kunst und Theorie gerade heute stark umtreiben: Zu denken ist etwa an die anhaltende Konjunktur von Relationalen Modellen, die die Beziehungen in den Vordergrund stellen, in denen scheinbar geschlossene Dinge und Lebewesen stehen. Zu denken ist an ein verbreitetes Interesse an „Transversalität“, im Sinn von Übertragungsprozessen, die quer durch institutionelle Rahmungen und systematische Schließungen Ansteckungseffekte generieren (wofür allerdings auch die Pandemie ein Beispiel ist). Und zu denken ist an die heutige Bedeutung umweltbezogener Regierungsformen, die – im Verbund mit Netzwerktechnologien – Verhaltensweisen über Umgebungsvariablen zu steuern suchen (und die sogenannten „medienökologischen“ Theorien in den vergangenen Jahren großen Auftrieb gegeben haben).

Für die große Bedeutung des Chores im Gegenwartstheater scheint aber noch etwas anderes ausschlaggebend zu sein. Denn allein schon weil seine historischen Anfänge im Nebel liegen, lässt er sich nicht auf die Geschichte einer Institution „Theater“ reduzieren und weist in gewisser Weise über deren Rahmen hinaus. Gerade wegen dieses Schwellenstatus scheinen chorische Praktiken aber immer wieder in der Lage zu sein, betriebliche Selbstreferenzen aufzubrechen und disziplinär beschränkte Theaterkunst überhaupt „in die Welt“ hinein zu öffnen.

Der Theaterwissenschaftler Sebastian Kirsch geht der Geschichte des Chores im Kontext dieser Themen nach und stellt dabei die Frage, ob es eine Weise des Denkens und des Philosophierens gibt, die selbst chorisch genannt werden kann. An drei Abenden wird Kirsch, dessen Buch „Chor-Denken“ 2020 erschienen ist, gemeinsam mit drei Gästen diesen Möglichkeiten genauer nachspüren.

Veranstaltung 3: Chor und Sorge

(Sebastian Kirsch und Ulrike Haß)

Der Chor ist älter als die Tragödie und kommt von woanders her. In den überlieferten Stücken des 5. Jahrhunderts erscheint er immer wieder als Träger eines vielfältigen Umgebungswissens. Als Vielfältiges ist dieses Wissen notwendig uneinheitlich und nicht auf einen Nenner zu bringen: Es ist nicht auf ein großes (protagonistisches) Ego fokussiert, sondern bringt stattdessen die vielen, verzweigten und ihrerseits wieder in unabsehbaren Bezügen stehenden Anfänge zum Ausdruck, in denen sich Prozesse der Ich-Bildung allererst vollziehen können. Das chorische Wissen ist mithin ein Wissen der unabsehbaren umweltlichen Verflochtenheiten, ein Wissen darum, dass wir „Umwelt nicht haben, sondern Umwelt sind“ (Ulrike Haß).

Das dritte Gespräch der „Chor-Denken“-Reihe fragt nach möglichen Zusammenhängen zwischen diesem chorischen Umgebungswissen und den philosophischen Bemühungen um den Begriff der „Sorge“ (epimeleia), die im ausgehenden 5. Jahrhundert einsetzten (und die Michel Foucault zum zentralen Gegenstand seiner letzten Arbeiten machte). Unser Gespräch gilt wirklich verblüffenden Analogien zwischen Chor und Sorge: Auch in den Sorge-Philosophien der Kyniker, der Epikuräer und der Stoiker geht es immer wieder um die Einbettung des Einzelwesens in vorgängige Relationen, die häufig kosmologisch gedacht werden und die sich nicht genealogisch binden lassen. In ihren (lebens-)praktischen Übungen berufen sich Sorge-Schulen oft auf „uralte Praktiken“ (Foucault), die weit vor schriftkulturelle Überlieferungen zurückweisen – etwa auf asketische Übungen mit kathartischer Wirkung. Ähnlich wie der Chor ins Theater, geht darum auch die Sorge als weitaus älteres, disparates Element in die Philosophie ein. Und in beiden Fällen kann man beobachten, dass dieses ältere Element ab einem gewissen Zeitpunkt für ephemer gehalten wird, um dann aus expliziten Selbstbeschreibungen und Programmatiken schlicht zu verschwinden. Was lässt sich vor diesem Hintergrund über eine gemeinsame Geschichte von Chor und Sorge sagen? Und wie stellt sich diese im Licht aktueller Verwendungen des Sorge-Begriffs dar, der in seiner anglifizierten Variante als „Care“ Konjunktur hat?

Ulrike Haß lehrte bis Herbst 2016 Theaterwissenschaft an der Ruhr-Universität Bochum und hatte Gastprofessuren u.a. in Paris und Frankfurt/M. inne. Zahlreiche Veröffentlichungen zum Verhältnis von Raum, Bild und Theater (Das Drama des Sehens), zu aktuellen Kontexten von Wissenschaft, Kunst und Öffentlichkeit sowie Gegenwartsdramatik und -theater, speziell zu Elfriede Jelinek, Heiner Müller und Einar Schleef. Anfang 2021 ist ihr Buch Kraftfeld Chor erschienen.


Eine Produktion im Rahmen des Festivals 10 Jahre Vierte Welt. Gefördert durch den Hauptstadtkulturfonds.

 

Chor-Denken 2 | Chor und Technik

gesellschaften

 Mit Sebastian Kirsch und Nicolas Siepen  

Sa. 25.09.21 | 19:00 | Einlass 18:30

Open Air + Streaming. Bitte warm anziehen.

Eintritt frei | Für den Zutritt gilt die 3G-Regel 

Chor-Denken

Sorge – Wahrheit – Technik 

Drei Veranstaltungen mit Sebastian Kirsch und Freund*innen. Juni – Oktober 2021 im Rahmen des Festivals 10 Jahre Vierte Welt. Gefördert durch den Hauptstadtkulturfonds.

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Viele neuere Theaterformen teilen ein auffälliges Interesse an chorischen Praktiken. Diese Aktualität des Chores, der zunächst vor allem an die Tragödie und die griechische Antike denken lässt, mag auf den ersten Blick überraschen. Bei näherem Hinsehen ist sie aber keineswegs verwunderlich: Nicht nur waren Chöre historisch immer wieder verbunden mit Prozessen der „Gefügebildung“, in den überlieferten antiken Stücken begegnen sie auch als Träger von unterschiedlichstem „Umgebungswissen“, das dort im Regelfall mit kosmologischen und mythologischen Wissensformen zusammenhängt. Mit beiden Stichworten, Gefüge und Umgebung, sind aber Diskurse berührt, die Kunst und Theorie gerade heute stark umtreiben: Zu denken ist etwa an die anhaltende Konjunktur von relationalen Modellen, die die Beziehungen in den Vordergrund stellen, in denen scheinbar geschlossene Dinge und Lebewesen stehen. Zu denken ist an ein verbreitetes Interesse an „Transversalität“, im Sinn von Übertragungsprozessen, die quer durch institutionelle Rahmungen und systemische Schließungen Ansteckungseffekte generieren (wofür auch die Pandemie ein Beispiel ist). Und zu denken ist an die heutige Bedeutung umweltbezogener Regierungsformen, die – im Verbund mit Netzwerktechnologien – Verhaltensweisen über Umgebungsvariablen zu steuern suchen (und die sogenannten „medienökologischen“ Theorien in den vergangenen Jahren großen Auftrieb gegeben haben).

Für die große Bedeutung des Chores im Gegenwartstheater scheint aber noch etwas anderes ausschlaggebend zu sein. Denn allein schon weil seine historischen Anfänge im Nebel liegen, lässt er sich nicht auf die Geschichte einer Institution „Theater“ reduzieren und weist in gewisser Weise über deren Rahmen hinaus. Gerade wegen dieses Schwellenstatuts scheinen chorische Praktiken aber immer wieder in der Lage zu sein, betriebliche Selbstreferenzen aufzubrechen und disziplinär beschränkte Theaterkunst überhaupt „in die Welt“ hinein zu öffnen.

Der Theaterwissenschaftler Sebastian Kirsch geht der Geschichte des Chores im Kontext dieser Themen nach und stellt dabei die Frage, ob es eine Weise des Denkens und des Philosophierens gibt, die selbst chorisch genannt werden kann. An drei Abenden wird Kirsch, dessen Buch „Chor-Denken“ 2020 erschienen ist, gemeinsam mit drei Gästen diesen Möglichkeiten genauer nachspüren. 

Veranstaltung 2: Chor und Technik
 

Sebastian Kirsch und Evelyn Annuß 

„Wenn man […] die Lehre der Antike in aller Kürze, auf einem Beine fußend, auszusprechen hätte, der Satz müßte lauten: ,Denen allein wird die Erde gehören, die aus den Kräften des Kosmos leben.’“

(Walter Benjamin, „Zum Planetarium“)

 

Der zweite „Chor-Denken“-Teil fragt nach dem Verhältnis von chorischen Praktiken und technik- wie mediengeschichtlichen Zusammenhängen. Ausgangspunkt ist die Beobachtung, dass schon im frühen 20. Jahrhundert ein erneuertes Interesse am Chor als einer Instanz antiken Umgebungswissens mit dem gleichzeitigen Durchbruch neuartiger „Umgebungs-Techniken“ resonierte: das heißt von Techniken, die in bislang nicht gekanntem Maß artifizielle Umweltbedingungen an die Stelle eigenaktiver und darum traditionell als „natürlich“ angesehener Umweltprozesse treten ließen. Deutlich wird das etwa in der Rede von der planetarischen Technik, wie Walter Benjamin sie 1929 am Ersten Weltkrieg als eines „Versuch(s) zu neuer, nie erhörter Vermählung mit den kosmischen Gewalten“ erläuterte: „Menschenmassen, Gase, elektrische Kräfte wurden ins freie Feld geworfen, Hochfrequenzströme durchfuhren die Landschaft, neue Gestirne gingen am Himmel auf, Luftraum und Meerestiefen brausten von Propellern, und allenthalben grub man Opferschächte in die Muttererde.“

Für die spätere Entwicklung hingegen ist an dieser Stelle an die umweltlichen Steuerungsparadigmen zu denken, die zunächst in der Kybernetik der Nachkriegszeit formuliert wurden und die heute in der „kontrollgesellschaftlichen“ (Deleuze) Einbettung noch der alltäglichsten Vorgänge in rechenintensive künstliche Environments gemündet sind. Wie stellt sich darum die Frage des Chores im Licht unserer hyperkonnektiven Gegenwart dar? Wie verhalten sich chorische Praktiken zu netzwerkbasierten Formen des Regierens, die man – in Erweiterung einer Notiz Foucaults von 1979 – als „environmental“ bezeichnen kann? Und wie lassen sich vor diesem Hintergrund Parallelen und Differenzen zwischen planetarischem 20. und kontrollgesellschaftlichem 21. Jahrhundert beschreiben?  

 

Sebastian Kirsch ist Autor und Theaterwissenschaftler und hat in Bochum, Düsseldorf, Stockholm und Wien gelehrt. Zuletzt erschien Chor-Denken. Sorge, Wahrheit, Technik (zugleich Habilitation). Mit einem Forschungsprojekt zu Hermann Broch war Kirsch 2019/2020 als Humboldt-Stipendiat am German Department der New York University assoziiert, derzeit ist er am Berliner Leibniz-Zentrum für Literatur- und Kulturforschung zu Gast.  Daneben war Kirsch 2007-2013 Redakteur von Theater der Zeit; dramaturgische Zusammenarbeiten verbinden ihn mit Hans-Peter Litscher und Johannes Schmit.

Evelyn Annuß ist Theaterwissenschaftlerin und Professorin für Gender Studies an der mdw Wien. Ihre Studie „Volksschule des Theaters“ (2019) zeichnet Besetzungen des Chores im Thing-Spiel und in nationalsozialistischen Masseninszenierungen nach. Darüber hinaus ist Annuß Mitinitiatorin der Reihe „Populismus kritisieren“ www.mdw.ac.at/ikm/populismuskritisieren und arbeitet zur Zeit an ihrem Buchprojekt „Nomadic Drag“, das sich vom kreolisierten, transozeanischen Karneval bis zu den Demonstrationen von Querdenker:innen mit der Politizität des Auftretens im öffentlichen Raum beschäftigt.

Archiv: Chor Denken 1

Chor-Denken 1 | Chor und Wahrsprechen [parrhesia]

gesellschaften

 Mit Sebastian Kirsch und Nicolas Siepen 

 

Die Veranstaltung findet als Open Air statt. Wg. beschränkter Zuschauerzahl ist eine Reservierung notwendig. Sie können der Veranstaltung auch via  Streaming Link online folgen.

Eintritt Frei

Zoom Meeting ID: 896 8633 8433

Di. 22.06.21 | 19:00 | Einlass 18:30

 Chor-Denken

Sorge – Wahrheit – Technik 

Drei Veranstaltungen mit Sebastian Kirsch und Freund*innen. Juni – Oktober 2021im Rahmen des Festivals 10 Jahre Vierte Welt. Gefördert durch den Hauptstadtkulturfonds.

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Viele neuere Theaterformen teilen ein auffälliges Interesse an chorischen Praktiken. Diese Aktualität des Chores, der zunächst vor allem an die Tragödie und die griechische Antike denken lässt, mag auf den ersten Blick überraschen. Bei näherem Hinsehen ist sie aber keineswegs verwunderlich: Nicht nur waren Chöre historisch immer wieder verbunden mit Prozessen der „Gefügebildung“, in den überlieferten antiken Stücken begegnen sie auch als Träger von unterschiedlichstem „Umgebungswissen“, das dort im Regelfall mit kosmologischen und mythologischen Wissensformen zusammenhängt. Mit beiden Stichworten, Gefüge und Umgebung, sind aber Diskurse berührt, die Kunst und Theorie gerade heute stark umtreiben: Zu denken ist etwa an die anhaltende Konjunktur von relationalen Modellen, die die Beziehungen in den Vordergrund stellen, in denen scheinbar geschlossene Dinge und Lebewesen stehen. Zu denken ist an ein verbreitetes Interesse an „Transversalität“, im Sinn von Übertragungsprozessen, die quer durch institutionelle Rahmungen und systemische Schließungen Ansteckungseffekte generieren (wofür auch die Pandemie ein Beispiel ist). Und zu denken ist an die heutige Bedeutung umweltbezogener Regierungsformen, die – im Verbund mit Netzwerktechnologien – Verhaltensweisen über Umgebungsvariablen zu steuern suchen (und die sogenannten „medienökologischen“ Theorien in den vergangenen Jahren großen Auftrieb gegeben haben).

Für die große Bedeutung des Chores im Gegenwartstheater scheint aber noch etwas anderes ausschlaggebend zu sein. Denn allein schon weil seine historischen Anfänge im Nebel liegen, lässt er sich nicht auf die Geschichte einer Institution „Theater“ reduzieren und weist in gewisser Weise über deren Rahmen hinaus. Gerade wegen dieses Schwellenstatuts scheinen chorische Praktiken aber immer wieder in der Lage zu sein, betriebliche Selbstreferenzen aufzubrechen und disziplinär beschränkte Theaterkunst überhaupt „in die Welt“ hinein zu öffnen.

Der Theaterwissenschaftler Sebastian Kirsch geht der Geschichte des Chores im Kontext dieser Themen nach und stellt dabei die Frage, ob es eine Weise des Denkens und des Philosophierens gibt, die selbst chorisch genannt werden kann. An drei Abenden wird Kirsch, dessen Buch „Chor-Denken“ 2020 erschienen ist, gemeinsam mit drei Gästen diesen Möglichkeiten genauer nachspüren. 

 

 
Veranstaltung 1: Chor und Wahrsprechen (parrhesia)

Sebastian Kirsch und Nicolas Siepen  

 

„Ein Betrunkener gebraucht parrhesia, weil er im Weinrausch nicht nur über sich, sondern auch über alle anderen die Wahrheit offenbart.“

(Philochoros in Aischylos‘ Fragment 11)

 

Der erste Teil der „Chor-Denken“-Reihe ist möglichen Zusammenhängen zwischen chorischem Sprechen und dem antiken Begriff der parrhesia, des freimütigen „Wahrsprechens“, gewidmet. Diesem Begriff schenkte Michel Foucault in seinen letzten Arbeiten besondere Aufmerksamkeit, wobei seine diesbezüglichen Ausführungen – etwa in „Der Mut zur Wahrheit“ – sich durchaus wie ein später Beitrag des Philosophen zur free speech-Bewegung der 68er lesen. So geht es Foucault zufolge bei der parrhesia immer um eine riskante Rede, zum Beispiel um den Mut, dem Tyrannen die Wahrheit ins Gesicht zu sagen oder durch offene Kritik eine Freundschaft auf Spiel zu setzen.

Allerdings handelt es sich bei der parrhesia auch um ein sehr fremdartiges Konzept, dessen Wahrheitsbegriff zum Beispiel ohne Bezug auf eine diskursiv gewonnene Erkenntnis auskommt. Mehr noch: Die Wahrheit der parrhesiastischen Rede bekundet sich laut Foucault häufig auch in schockartigen Inszenierungen, die sich im Zweifelsfall sogar bis zum Selbstmordattentat zu steigern vermögen. Schon deswegen stellt sich die Frage, wie sich Foucaults Überlegungen zur parrhesia 40 Jahre später lesen. Wie ist das Rauschhafte parrhesiastischer Wahrheit einzuschätzen, auf das beispielsweise das obige Zitat des Aischylos hindeutet? Gibt es Verbindungen zwischen parrhesia, Chor und dem von Deleuze/Guattari entwickelten Begriff der „nomadischen Kriegsmaschine“? Und was soll man aus der Tatsache machen, dass sich im 21. Jahrhundert gerade rechte Identitäre gerne als „freimütige Alles-Sager“ inszenieren?

 

Sebastian Kirsch ist Autor und Theaterwissenschaftler und hat in Bochum, Düsseldorf, Stockholm und Wien gelehrt. Zuletzt erschien Chor-Denken. Sorge, Wahrheit, Technik (zugleich Habilitation). Mit einem Forschungsprojekt zu Hermann Broch war Kirsch 2019/2020 als Humboldt-Stipendiat am German Department der New York University assoziiert, derzeit ist er am Berliner Leibniz-Zentrum für Literatur- und Kulturforschung zu Gast.  Daneben war Kirsch 2007-2013 Redakteur von Theater der Zeit; dramaturgische Zusammenarbeiten verbinden ihn mit Hans-Peter Litscher und Johannes Schmit.

 

Nicolas Siepen ist Künstler/Filmemacher, Theoretiker und Mitbegründer von b_books und dem Performing Arts Forum (PAF). In den 90er Jahren war er Teil der Künstlergruppe KlasseZwei und der Band ZigarettenRauchen. Von 2009 bis 2016 war er Professor für Bildende Kunst an der Academy of Contemporary Arts in Tromsø, Norwegen. Derzeit arbeitet er mit der Vierten Welt zusammen. Lebt und arbeitet in Berlin.

 

Technologien 1 – 3

Veranstaltungsreihe | Interactive Experience 

 
Technologien #3_online
2020 FIRE SALE

Wednesday 09.12.2020 | 17:00 – 22:00

 
Technologien #2_online
Data Kiosk _ open from 11 to 23 o’clock

Wednesday, November 11, 2020, 11 pm to 11 am

 
Technologien #1_online
2020: The Year You Broke The Internet

Mi. 14.10.2020 | 19:00 Eintritt frei | Free Admission

_DE

Technologien ist eine Veranstaltunsreihe zum Reichtum der technischen Möglichkeiten und der Armut ihres Gebrauchs, zur Zeit vor, hinter und unter den Computern, zu den Gestalten, sie sie bevölkern, und zu den Räumen um sie herum, zzgl. einiger Vorschläge, doch nochmal was ganz anderes mit dem Internet zu machen. Von und mit Jan Gerber, Rosemary GrennanSebastian Lütgert und Gästen.

https://copyshot.cc/to + https://pan.do/tech.no + https://798.ma/858.ma/918.ma

_EN

Technologies is a series of IRL/3D-world offline events on the wealth of technical possibilities and the poverty of their use, on the time in front of, behind and under the computers, on the figures that populate them and the spaces that surround them, incl. a few proposals to still do something entirely different with the internet. Hosted by Jan Gerber, Rosemary Grennan and Sebasian Lütgert, sometimes with guests. (In English and German, plus a bit of Python.)

https://copyshot.cc/to + https://pan.do/tech.no + https://798.ma/858.ma/918.ma

Technologien #3

Veranstaltungsreihe | Zoom Meeting | Chatb 

 
2020 FIRE SALE _online

Wednesday 09.12.2020 | 17:00 – 22:00

Zoom Meeting ID: 849 5283 8431

Special Guest : Maysara Abdulhaq

 

“How to delete your startup, from scratch”

** 7 pm – 8 pm, on chatb.org and zoom

 

One visitor or household per hour

5pm or 6pm or 8pm or 9pm

R.S.V.I.P. –> tech.no@pan.do

_EN

 

A FLEA MARKET FOR THINGS NOT WORTH KEEPING

AN AUCTION OF IDEAS AND MOODS TO GET RID OF

WE HELP YOU DEINSTALL ALL APPS YOU DON’T NEED

 

drop in, drop it off and shop around

leftovers from copy kiosk are still available

maybe we can give you technical advice

 

GET RID OF YOURSELF

EVERYTHING MUST GO

NOTHING IS SAFE

 

Technologien #2

Veranstaltungsreihe | Interactive Experience 

 
Data Kiosk _ open from 11 to 23 o’clock

Wednesday, November 11, 2020, 11 pm to 11 am

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 Technologies #2 will take place from 11 am until 11 pm, as a hybrid online and offline Kiosk. Rosemary GrennanJan Gerber and Sebastian Lütgert will be present on our premises at Kottbusser Tor, with computers and hard drives. You can join them online on Zoom and other platforms, and you can make appointments throughout the day. One single person (or household) at a time is invited to spend a stricly limited amount of time in front of Vierte Welt, while RG, JG and SL copy some data (see: filesharing). Please bring a USB stick or similar. There will be 1 coffee and/or 1 beer.

!  For exactly one person there is also a delivery option – see flyer for details.

At 11 PM local time – 6:30 PM and 8 PM in Berlin – they will be joined by Mriganka Madhukaillya (IN) and Shezanne Al-Baradi (QA), who will report from North Guwahati and Doha and – mostly (t.b.c.) about archives, media labs, the current situation on the internet, and some issues with the concept of time.

_DE

Technologien #2 findet zwischen 11 bis 23 Uhr als ein hybrides Online-plus-Offline Kiosk-Format statt. Rosemary GrennanJan Gerber and Sebastian Lütgert, sowie ihre Computer und Festplatten, werden vor Ort (Kottbusser Tor) sein, und Besucher*innen sind herzlich eingeladen, ihnen auf unserem Zoom-Kanal (und anderen Plattformen) Gesellschaft zu leisten. Jeweils eine Person kann, nach vorheriger Online-Terminvereinbarung, mit einem USB-Stick o.ä. vorbeikommen und – 100% kontaktlos, maskiert und draussen – Daten mit den Veranstalter/innen austauschen. 1 Kaffee oder 1 Bier ist dabei inbegriffen.

! Für genau eine Person gibt es auch eine Delivery-Option – Details siehe Flyer.

Um jeweils 11 Uhr abends Ortszeit – 18:30 Uhr und 20:00 Uhr in Berlin – werden sich Mriganka Madhukaillya (IN) und Shezanne Al-Baradi (QA) im Internet hinzuschalten und aus North Guwahati (Assam) bzw. Doha (Qatar) berichten – über alte und neue Archive, selbstgemachte Media Labs, die Pandemie im Internet, und ein paar Probleme mit dem Zeitbegriff. Fragen und Anregungen sind willkommen!

Technologien #1

Veranstaltungsreihe | Interactive Experience 

 
2020: The Year You Broke The Internet

Mi. 14.10.2020 | 19:00 Eintritt frei | Free Admission

_DE

2020 ist das Jahr, in dem ihr – obwohl ihr es ja urspünglich gar nicht so viel benutzen wolltet – das Internet kaputtgemacht habt: mit Live Streaming auf Social Media, Onlinefilmfestivals und Onlineausstellungen, mit Netflix, Zoom und tausend Apps, die niemand von euch wirklich versteht. 

Und wir verstehen sie natürlich auch nicht. Wir wollen nur nochmal kurz an die Geschichte des Radios erinnern, Peer-to-Peer-Medium par excellence und avant la lettre, bis der Traum des Staats – nämlich synchron zu sein – in Erfüllung gegangen ist und das Radio zum Empfänger wurde. 

Wäre schade, wenn der Traum des Indiviuums mittlerweile auch nur noch “in real time” wäre und keine anderen Räume mehr besetzt, und mit dem Internet etwas Ähnliches passieren würde.

_EN

2020 is the year you broke the internet. The virus made you do it: get into online teaching and online festivals and live streaming on social media, fall in love with Netflix, make peace with Zoom, and install a thousand apps on your phone that you don’t really understand. 

Of course, we don’t understand most of them either. We just wanted to remind you, and ourselves, of what happened to radio, peer-to-peer medium par excellence and avant la lettre, until the dream of the state – to be in sync – fulfilled itself and turned radio into a receiver. 

It would be unfortunate if the dream of the in/dividual today was nothing more than “in real time” and occupied no other spaces anymore, and we ended up giving up on the internet as well.

Who Is The Boss

Lecture Performance von Marie Rotkopf mit Gespräch_online

 
2020 FIRE SALE _online

Sa. 23.05.2020 | 17:00 – 22:00

 Ein europäischer Appell in Zeiten der Coronakrise 

_DE

Who Is The Boss  – ohne Fragezeichen, wurde für die USA geschrieben und sollte dort vortragen werden. Bedingt durch die Coronakrise und während dessen, ist der Text in Europa geblieben und wurde dementsprechend angepasst. In diesem Appel beschäftigt sich die französische Autorin

 

Marie Rotkopf mit der Dekonstruktion von Macht in Zeiten der Coronakrise.

Sie untersucht und hinterfragt die Wurzeln der Romantik, von der non-democracy der Europäischen Union bis zur corporate identity eines politischen und ideologischen Europas: “ubuntu: I am, because we are” hört sich sehr schön an. Besonders wenn man glaubt, dass es Teil einer afrikanischen Philosophie ist. Diese Übertragung ist auf Europa leider kaum möglich, da es kein Europa gibt.

Es gibt verschiedene Länder, die nicht dieselbe Philosophie und Weltanschauung haben. Zum Glück, to be honest. Dann lieber mit zwei Revolvern in den Fäusten auf die Strasse gehen und in die Menge schießen, wie es André Breton 1929 formuliert hat, als ein Teil des Wir zu sein. Oder ein Rädchen dieser monströsen europäischen Union, die uns jetzt die Diktatur der “souveraineté européenne” verkaufen will. Und ebenfalls, wie es der Franzose Aimé Césaire geschrieben hat: Europa ist unhaltbar.

Aber, who is the boss?

 

Marie Rotkopf, 1975 in Paris geboren, ist  Autorin, Dichterin und Kulturkritikerin. 2017 ist in der Edition Nautilus das Antiromantische Manifest, eine poetische Lösung erschienen und 2019 Wie ich Rocko S. vergewaltigt habe / Comment j’ai violé Rocko S., zweisprachig, im Ink Press Verlag, Zürich. Im Frühjahr 2021 erscheint das gemeinsam mit Marcus Steinweg geschriebene Buch bei Matthes und Seitz, Berlin.

In ihrer Prosa und Lyrik, beschäftigt sich Rotkopf mit der Konstruktion und Kommunikation von Macht. Sie interessiert sich für die Umschreibung der Geschichte und für die Poesie der Welt. Sie liest ihre Prosa regelmäßig vor und nimmt an verschiedenen Veranstaltungen teil, z.B. über Identitäten in unseren „Postdemokratien“ an den Basler Dokumentartagen oder an der Ohio State University, zur Deutschromantik und ihrer aktuellen Bezüge auf dem resonanzraum festival wie im Warburg-Haus in Hamburg, oder über den Sinn der Revolte im Literaturhaus Stuttgart. Zudem hält sie an der Leuphana Universität Lüneburg das poetisch-politische Seminar: „Ist es möglich, gegen die EU zu sein?“, welches Europa als Mythos reflektiert.

 

Bild: Who Is The Boss, Internationale Surplace, 2020 © Internationale Surplace  

The Valuable and the Vulnerable: Finance as Speculative Gesture

Erik Bordeleau SenseLab, Montréal

Mo. 07.010.2019 | 19:00 – 22:00| Eintritt frei | Free Admission

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In Capital and Time (2018), Martijn Konings reminds us that capital’s measures and calculations are performative devices that play an essential role in generating the very surplus they are envisioning. This performative and speculative aspect of value capturing is crucial if we want to approach financial matters creatively and re-think value at the end of the economy as we know it. How do we transform the traditional modes of value capture – and exposure – embedded in the current economic infrastructures and re-open them for the benefit of commons-oriented economies? How do we convert economic loops into social and artistic flows (and vice versa)? Ultimately, attempts to redefine financial processes gesture towards a shift from the conservative neoliberal subject of interest to the protean figures of the futurial conservationist, the radical commonist, and the transindividual metastable ensemble.


This presentation stems from three years of intensive collective experimentation in the field of cryptoeconomics and alternative finance as a core member of Economic Space Agency (ECSA). In recent years, a number of initiatives have sprouted around the new possibilities offered by blockchains or distributed ledger technologies and cryptographic computational tools to invent new modes of collective valuation and self-organization at scale. Operating within this emergent blockchain space and bringing together radical economists, software engineers, artists and social theorists, ECSA has been conceiving of derivative finance as an expressive medium that holds the potential to exceed the restrictions and extractive procedures of the current market economy.


Erik Bordeleau is researcher at the SenseLab (Concordia University, Montreal), fugitive planner at the Economic Space Agency (ECSA) and affiliated researcher at the Center for Arts, Business & Culture of the Stockholm School of Economics. He has recently taught a series of seminars in critical cryptoeconomics at the School of Disobedience at Volksbühne (Berlin).  With Saloranta & De Vylder, he is developing The Sphere, a p2p community platform for self-organization in the performing arts. He is based in Berlin and enjoys, from time to time, the discreet charm of the precariat.

Supported by the Senate Department for Culture and Europe  


extra upcoming events

Novembre 2019: Boyan Manchev, New Bulgarian University, Sofia

Februar 2020: Anders Carlson, Theatre Academy of the University of the Arts Helsinki

Notes on Dissent

Vered Maimon | Tel Aviv University

Mo. 23.09.2019 | 19:00 | Eintritt frei | Free Admission

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My talk will point to a shared cultural and epistemological domain between contemporary activist and artistic practices. In particular, the move from a “critique of representation” towards a performative creation of shared yet contested public realms of appearance. By performative, I mean, the active formation of interventionist strategies of political dissent through, among others, the (re)mobilization and configuration of communicative modes and mediums of public address and exchange. These operations, with their focus on acts of transmission and circulation, become indispensable for political processes of subjectivization. I will mainly focus on the work of the photography collective Activestills, and on the artistic work and performances of Sharon Hayes.

 

Vered Maimon is an Associate Professor in the Art History Department at Tel Aviv University. Her essays on the history and theory of photography and contemporary art appeared in October, Oxford Art Journal, History of Photography, Art History, Parallax, TDR: The Drama Review, and Third Text. She is the author of Singular Images, Failed Copies: William Henry Fox Talbot and the Early Photograph (University of Minnesota Press, 2015), and the co-editor of Activestills: Photography as Protest in Palestine/Israel (Pluto Press, 2016), and Communities of Sense: Rethinking Aesthetics and Politics (Duke University Press, 2009). Her book Contemporary Art, Photography and the Politics of Citizenship is forthcoming from Routledge in 2020.