Diskurs | Performance Reihe | seit 05-2013 

 
Pandoras Töchter | Boyan Manchev
IM TOTEN WINKEL #4 | April 2016 – Februar 2017                                                              
 
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Pandoras Töchter entsteht in Zusammenarbeit mit dem Philosophen Boyan Manchev und ist die vierte Serie der Performancereihe Im Toten Winkel. Mit Boyan Manchev, der die Arbeit auch dramaturgisch begleiten wird, haben wir einen der international angesehensten jungen Vertreter zeitgenössischer Philosophie als Kollaborateur.

“Wurde Pandora, die mutterlose erste Frau, direkt als Frau erschaffen? Was wäre wenn ihre unmittelbare Schöpfung durch den göttlichen Schmied Hephaistos und die mutterlose Göttin, die Jungfrau, die kopfgeborene Kriegerin Athene, sie – die zukünftige Mittlerin zwischen Göttern und Menschen – zur paradigmatischen Figur der Unmittelbarkeit, in anderen Worten, des Kindes, gemacht hat? Pandora, die zu den Menschen gesandt wurde, zu der neugeschaffenen Welt der Endlichkeit und daher auch der Arbeit, der Ökonomie und Ordnung, musste Verbote überschreiten, um ihre unmittelbaren Begierden zu erfüllen. Sie brauchte ihre Spielzeuge, die der eifersüchtige Epimeteus, in der Büchse einsperrte. Die Allbegabte benötigt immer mehr Geschenke! Pandora will ihre Spielzeuge.” 

Mit seinem Text eröffnet Boyan Manchev eine neue konzeptionelle Beziehung zwischen Poesis und kritischer Reflektion von Politik und Performance (tekhné, praxis, poiesis). Das Ensemble der Vierten Welt wird mit dem Konzept von Pandoras Töchter ganz unmittelbar aufgerufen, dem verborgenen performativen Vermögen des philosophischen Textes nachzuspüren und dessen Konzept in die Hand zu nehmen. In der ersten Übung von Pandoras Töchter nähern wir uns diesem Text in einer Installation aus Performance, Sound und Video. Der Philosoph steht mit einer Schauspielerin auf der Bühne, umrundet von unheimlichen Videobildern, in denen drei Figuren – an der Schwelle zu einer Zeit, die nicht die unsrige ist- nach uns zu greifen scheinen. 

Mit Pandoras Töchter fragen wir mit Boyan Manchev nach dem Ursprung des Humanen? Nach dem Verhältnis von Natur und Technik, von Reproduktion und Produktion! Was kann es bedeuten, wenn es so sein sollte, wie Manchev behauptet, dass unsere Subjekt-Körper mythisch immer schon durch eine Technik konstituiert sind, nämlich die der Metamorphose? Wie können wir unter dieser Voraussetzung eine Emanzipation des Subjekts denken? Müssen wir unser humanistisches Grundwissen endlich wegwerfen?

 

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Pandora’s Daughters is created in collaboration with philosopher Boyan Manchev and is the fourth instalment in the performance series ON THE BLIND SIDE. With Manchev, who is also working alongside as dramaturge, we can call one of the most internationally renowned representatives of contemporary philosophy our collaborator. 

 

‘ Was Pandora, the motherless first woman, made immediately as woman? And what if 

her immediate creation by the divine blacksmith Hephaestus and the motherless goddess-

virgin, the head-born warrior Athena, made her – the future mediator between gods and hu-

mans – the paradigmatic figure of immediacy, in other words, of the child?   

 Pandora, sent to the humans, to the newly established world of finitude, and therefore 

of labour, economy and order, had to transgress interdictions in order to fulfil her immediate 

desires. She needed her toys, which the jealous husband-father, Epimetheus, has locked in 

the jar. The all-gifted one always needs more gifts. Pandora wants her toys.’

 

His text maps out a new conceptional relationship between poïesis and the critical reflection of politics and performance (tekhné, praxis, poiesis). The concept of Pandora’s daughters invites the Vierte Welt ensemble to trace the hidden performative potential of the philosophic text and to take control over it. In the first manoeuvre we get up close to the text with an installation made of performance, sound and video. The philosopher, present on stage, is accompanied by an actress and he is surrounded by uncanny video images in which three characters – on the verge of a time that isn’t ours – seemingly try to grasp at us. 

With ‘Pandora’s Daughters’ Vierte Welt  and Boyan Manchev question the origin of the humane. The relationship between nature and technology, between production and reproduction. What could it mean to us, if it is true as Manchev claims, that our subject-bodies mythically have always been constituted by technology, namely the technology that is metamorphosis? How is it possible to think of an emancipation of the subject under these conditions? Do we eventually have to throw away our basic understanding of humanity?

 

Von und mit

Anders Carlsson | Jacqueline Grassmann | Boyan Manchev | Mariel Jana Supka | Marcus Reinhardt und Judith van der Werff

Inszenierung Dirk Cieslak und Annett Hardegen | Text Boyan Manchev

Video Federico Neri | Sounddesign Macarena Solervicens

Ausstattung primavera*maas | Technik Gretchen Blegen | Künstlerische Mitarbeit Klara Lyssy

Produktion Annett Hardegen und Luisa Grass  

Übersetzung Hannah Wallenfels  | Hospitanz Bendikt Paffgen

Aufführung in englischer und deutscher Sprache.

Eine Produktion der Vierte Welt Kollaborationen.

Gefördert durch den Hauptstadtkulturfonds.

Der Autor:

Boyan Manchev | Philosoph | Bulgarien | Autor geboren 1970 in Sofia, ist Philosoph, Professor an der New Bulgarian University, Gastprofessor an der Universität Sofia und am HZT Berlin. Er ist ehemaliger Vizepräsident des Collège Internationale de Philosophie. In seinem Forschungsfeld der Ontologie, Kunstphilosophie und politischen Philosophie entwickelt er die Perspektive eines radikalen Materialismus. Zu seinen letzten Publikationen gehören u.a. Logic of the Political (Sofia, 2012), Miracolo (Milano, 2011), L’altération du monde: Pour une esthétique radicale (Paris, 2009); La Métamorphose et l‘Instant – Désorganisation de la vie (Paris, 2009). Boyan Manchev hat als Theoretiker, Dramaturg oder Performer in Theater und zeitgenössischen Tanzprojekten teilgenommen, u.a. bei Tim Etchells und Adrian Heathfield’s The Frequently Asked, Boris Charmatz‘s expo zero und Poster session Mouvement für das Festival d’Avignon, Ani Vaseva’s Frankenstein und A Dying Play, und deufert&Pplischke’s Emergency Room. Zudem überetzte Manchev Schriften von Georges Didi-Hubermann und Jean-Luc Nancy ins Bulgarische. 

 

Serie 3 | Juni 2014 – Februar 2015

Giovanni Leghissa | Mythos T.I.N.A.

Die Ära Neoliberalismus ist etwas völlig Neues

Serie 2 | November 2013 – Mai 2014

Maurizio Lazzarato | Der verschuldete Mensch

Schuldenökonomie und Existenz