Theater | Musik

 
ALEXANDRIA

People in Rooms – Glen Sheppard and Fritz Polzer

Mi. 22.05 – Fr. 24.05 – Sa. 25.05 – So. 26.05.2019 | 20:00 

Bar/Kasse 19:30 | Eintritt 12/6/3 Euro

 

An immoral cantata, with music from Händel’s IL Il trionfo del Tempo e del Disinganno,

Lou Reed, Nico, Modern Lovers, Roxy Music, Brian Eno and Velvet Underground.

Bellezza verlässt das Loft, in dem sie mit Piacere gehaust hat. In einem Cafe trifft sie auf Tempo und Disinganno. Die beiden könnten ihre Eltern sein, oder ihre Galeristen. Sie wollen, dass Bellezza alles hinter sich lässt…

  

Director | Guitar und Tenor Glen Sheppard | Silvia Micu – Soprano | Marie-Gabrielle Arco – Mezzo-soprano | Gastón Efficace – Tenor | Tim Ribchester – Cembalo | Andrej Lakisov – Saxophone | Fritz Polzer – Costumes | Production

 

In englischer und italienischer Sprache mit engl. Übertitelung

_DE

When suddenly, at the midnight hour

an invisible company is heard going past,

with exquisite music, with voices-

your fate that’s giving in now, your deeds

that failed, your life’s plans that proved to be

all illusions, do not needlessly lament.

As one long since prepared, as one courageous,

bid farewell to the Alexandria that’s leaving.

Above all, don’t be misled, don’t say it was

a dream, that your ears deceived you;

don’t deign to foster such vain hopes.

As one long since prepared, as one courageous,

as befits you who were deemed worthy of such a city…

                                                            CP CAVAFY, ‘The God Forsakes Anthony’


A  L  E  X  A  N  D  R  I  A  ist eine freie Adaption von IL TRIONFO DEL TEMPO E DEL DISINGANNO von Georg Friedrich Händel. Der moralisierende Charakter des Oratoriums wird auf den Kopf gestellt und mit Stücken von Lou Reed, Nico und Arthur Russell erweitert. Das ganze wird ein Opernabend, aber auch eine Ausstellung oder ein Konzert oder eine Clubnacht.

 

Bellezza (Schönheit) verlässt das Loft, in dem sie mit Piacere (Vergnügen) gehaust hat. In einem Cafe trifft sie auf Tempo (Zeit) und Disinganno (Erkenntnis). Die beiden sind vielleicht ihre Eltern oder ältere Versionen von Piacere und Belleza selbst. Sie könnten aber auch einfach die Galeristen sein, die die Szene in konservieren, in der sie mit Piacere gelebt hat – eine Retrospektive. 

Sie wollen von Belleza, dass sie das Ganze hinter sich lässt und mit ihnen bleibt. Darauf reagiert sie allerdings mit dem Drang, sich noch einmal einen letzten Fix setzen zu lassen. 

Alle vier durchleben jetzt verschiedene Trips ihrer persönlichen Alpträume bis sie es übers Meer in eine andere Sphäre schaffen. Nach Alexandria, ein mystischer Ort, eine tropische Insel ohne erdrückendes Taktgefühl aber mit pragmatischer Ehrlichkeit, welterfahren und nicht weltmüde.

 

Händels erstes Oratorium ist eine moralische Kantate voller Allegorien. Es wurde 1707 zu einem Libretto des Kardinals Pamphili komponiert. Oper als solche war gerade verboten worden. Die Uraufführung fand in den Räumlichkeiten eines katholischen Prälaten statt, der dafür bekannt war seine Räume mit Bildern seiner Mätressen zu dekorieren – jeweils als eine andere Heilige dargestellt. Belleza erkennt in IL TRIONFO, dass Piacere, also das Vergnügen, ihr niemals reichen werden und sie ändert ihre Wege, wenn sie die Wahrheiten der Zeit und der Erkenntnis annimmt. Sie wird zur Büsserin. 

Die Frage ist, wem gehören unsere Geschichten? Wem gehört die Schönheit, und wem das Vergnügen? Wer entscheidet das? Ist IL TRIONFO der erste Impuls den heidnischen Charakter der Oper ins Christliche zu überführen? Ist es der Anfang einer langen Reihe im Opern Kanon, in dem die Frau grundsätzlich zum Schluss als Opfer dargebracht wird? Aber vielleicht ist es auch einfach ein Tarotkartenset, in dem eine Gruppe echter Träumer ihre Ideen und Fantasien vom Leben versteckt haben, jenseits von Zwängen und Konventionen?

 

Händel verließ Rom und ging nach London. Er kommt also in einer völlig neuen Szene an. Lebenslang kopiert er sich in seinen Arbeiten immer wieder selbst, zu IL TRIONFO aber, kehrt er gleich zwei mal komplett zurück. Einmal in 1737 und wieder 1757. Wurde er hier auch von Nostalgie getrieben? Im Berlin des Jahres 2019 ist es natürlich unmöglich den steten Geist der Veränderung nicht zu spüren. 

Der zwielichtige Charme der halb verfallenen Stadt mit all ihren Freiräumen wird poliert. Szenen übernehmen, oder erobern gar andere Szenen. Menschen erleben und präsentieren ihre sechs bis zwölf Monate Berlin auf Instagram, immer auf der Suche nach dem Geist New Yorks im Heyday der Lower East Side und Downtown. Social Media transformiert den erlebten Moment in ein Echo seiner selbst, bevor er vergangen ist. 

Diejenigen aus der Generation der 70er, sofern sie Heroin und AIDS überlebt haben, generieren sich gerne als die letzte kulturell relevante Szene. Vielleicht stimmt das auch. Allerdings formiert sich die extreme Rechte und das Klima ist eigentlich nicht mehr zu retten. Währenddessen schlucken die jungen Menschen Avocados und Flat Whites herunter. Morgens sind sie in der U-bahn auf dem Heimweg aus den Clubs in denen jener Geist der 70/80er beschworen wurde und sitzen Menschen gegenüber, die zur Arbeit fahren, weil sie eben nicht die Erben dieser Generation sind.

 

ALEXANDRIA ist ein unerreichbares Gefühl. Die Stadt wurde für ihren Namensgeber erbaut, der aber nie dort ankam. Sie der Traum der Hauptstadt eines Weltreiches werden, dass nie hielt. 

Es sollte ein Ort der Befreiung sein, von sich selbst, von uns gegenseitig, von der Gesellschaft. Aber ist diese Befreiung jemals möglich innerhalb einer Gesellschaft und eben auch innerhalb einer Szene, die ja auch eine Art System bildet?

 

Eine freie Produktion von People in Rooms | Glen Sheppard und Fritz Polzer.

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