gesellschaften

 Mit Sebastian Kirsch und Nicolas Siepen  

Sa. 25.09.21 | 19:00 | Einlass 18:30

Open Air + Streaming. Bitte warm anziehen.

Eintritt frei | Für den Zutritt gilt die 3G-Regel 

Chor-Denken

Sorge – Wahrheit – Technik 

Drei Veranstaltungen mit Sebastian Kirsch und Freund*innen. Juni – Oktober 2021 im Rahmen des Festivals 10 Jahre Vierte Welt. Gefördert durch den Hauptstadtkulturfonds.

DE_

Viele neuere Theaterformen teilen ein auffälliges Interesse an chorischen Praktiken. Diese Aktualität des Chores, der zunächst vor allem an die Tragödie und die griechische Antike denken lässt, mag auf den ersten Blick überraschen. Bei näherem Hinsehen ist sie aber keineswegs verwunderlich: Nicht nur waren Chöre historisch immer wieder verbunden mit Prozessen der „Gefügebildung“, in den überlieferten antiken Stücken begegnen sie auch als Träger von unterschiedlichstem „Umgebungswissen“, das dort im Regelfall mit kosmologischen und mythologischen Wissensformen zusammenhängt. Mit beiden Stichworten, Gefüge und Umgebung, sind aber Diskurse berührt, die Kunst und Theorie gerade heute stark umtreiben: Zu denken ist etwa an die anhaltende Konjunktur von relationalen Modellen, die die Beziehungen in den Vordergrund stellen, in denen scheinbar geschlossene Dinge und Lebewesen stehen. Zu denken ist an ein verbreitetes Interesse an „Transversalität“, im Sinn von Übertragungsprozessen, die quer durch institutionelle Rahmungen und systemische Schließungen Ansteckungseffekte generieren (wofür auch die Pandemie ein Beispiel ist). Und zu denken ist an die heutige Bedeutung umweltbezogener Regierungsformen, die – im Verbund mit Netzwerktechnologien – Verhaltensweisen über Umgebungsvariablen zu steuern suchen (und die sogenannten „medienökologischen“ Theorien in den vergangenen Jahren großen Auftrieb gegeben haben).

Für die große Bedeutung des Chores im Gegenwartstheater scheint aber noch etwas anderes ausschlaggebend zu sein. Denn allein schon weil seine historischen Anfänge im Nebel liegen, lässt er sich nicht auf die Geschichte einer Institution „Theater“ reduzieren und weist in gewisser Weise über deren Rahmen hinaus. Gerade wegen dieses Schwellenstatuts scheinen chorische Praktiken aber immer wieder in der Lage zu sein, betriebliche Selbstreferenzen aufzubrechen und disziplinär beschränkte Theaterkunst überhaupt „in die Welt“ hinein zu öffnen.

Der Theaterwissenschaftler Sebastian Kirsch geht der Geschichte des Chores im Kontext dieser Themen nach und stellt dabei die Frage, ob es eine Weise des Denkens und des Philosophierens gibt, die selbst chorisch genannt werden kann. An drei Abenden wird Kirsch, dessen Buch „Chor-Denken“ 2020 erschienen ist, gemeinsam mit drei Gästen diesen Möglichkeiten genauer nachspüren. 

Veranstaltung 2: Chor und Technik
 

Sebastian Kirsch und Evelyn Annuß 

„Wenn man […] die Lehre der Antike in aller Kürze, auf einem Beine fußend, auszusprechen hätte, der Satz müßte lauten: ,Denen allein wird die Erde gehören, die aus den Kräften des Kosmos leben.’“

(Walter Benjamin, „Zum Planetarium“)

 

Der zweite „Chor-Denken“-Teil fragt nach dem Verhältnis von chorischen Praktiken und technik- wie mediengeschichtlichen Zusammenhängen. Ausgangspunkt ist die Beobachtung, dass schon im frühen 20. Jahrhundert ein erneuertes Interesse am Chor als einer Instanz antiken Umgebungswissens mit dem gleichzeitigen Durchbruch neuartiger „Umgebungs-Techniken“ resonierte: das heißt von Techniken, die in bislang nicht gekanntem Maß artifizielle Umweltbedingungen an die Stelle eigenaktiver und darum traditionell als „natürlich“ angesehener Umweltprozesse treten ließen. Deutlich wird das etwa in der Rede von der planetarischen Technik, wie Walter Benjamin sie 1929 am Ersten Weltkrieg als eines „Versuch(s) zu neuer, nie erhörter Vermählung mit den kosmischen Gewalten“ erläuterte: „Menschenmassen, Gase, elektrische Kräfte wurden ins freie Feld geworfen, Hochfrequenzströme durchfuhren die Landschaft, neue Gestirne gingen am Himmel auf, Luftraum und Meerestiefen brausten von Propellern, und allenthalben grub man Opferschächte in die Muttererde.“

Für die spätere Entwicklung hingegen ist an dieser Stelle an die umweltlichen Steuerungsparadigmen zu denken, die zunächst in der Kybernetik der Nachkriegszeit formuliert wurden und die heute in der „kontrollgesellschaftlichen“ (Deleuze) Einbettung noch der alltäglichsten Vorgänge in rechenintensive künstliche Environments gemündet sind. Wie stellt sich darum die Frage des Chores im Licht unserer hyperkonnektiven Gegenwart dar? Wie verhalten sich chorische Praktiken zu netzwerkbasierten Formen des Regierens, die man – in Erweiterung einer Notiz Foucaults von 1979 – als „environmental“ bezeichnen kann? Und wie lassen sich vor diesem Hintergrund Parallelen und Differenzen zwischen planetarischem 20. und kontrollgesellschaftlichem 21. Jahrhundert beschreiben?  

 

Sebastian Kirsch ist Autor und Theaterwissenschaftler und hat in Bochum, Düsseldorf, Stockholm und Wien gelehrt. Zuletzt erschien Chor-Denken. Sorge, Wahrheit, Technik (zugleich Habilitation). Mit einem Forschungsprojekt zu Hermann Broch war Kirsch 2019/2020 als Humboldt-Stipendiat am German Department der New York University assoziiert, derzeit ist er am Berliner Leibniz-Zentrum für Literatur- und Kulturforschung zu Gast.  Daneben war Kirsch 2007-2013 Redakteur von Theater der Zeit; dramaturgische Zusammenarbeiten verbinden ihn mit Hans-Peter Litscher und Johannes Schmit.

Evelyn Annuß ist Theaterwissenschaftlerin und Professorin für Gender Studies an der mdw Wien. Ihre Studie „Volksschule des Theaters“ (2019) zeichnet Besetzungen des Chores im Thing-Spiel und in nationalsozialistischen Masseninszenierungen nach. Darüber hinaus ist Annuß Mitinitiatorin der Reihe „Populismus kritisieren“ www.mdw.ac.at/ikm/populismuskritisieren und arbeitet zur Zeit an ihrem Buchprojekt „Nomadic Drag“, das sich vom kreolisierten, transozeanischen Karneval bis zu den Demonstrationen von Querdenker:innen mit der Politizität des Auftretens im öffentlichen Raum beschäftigt.

Archiv: Chor Denken 1