Diskurs | Performance Reihe | seit 05-2013 

 
Maurizio Lazzarato | Der verschuldete Mensch

IM TOTEN WINKEL #2 | November 2013 – Mai 2014

Schuldenökonomie und Existenz

                          
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Der in Paris lebende italienische Philosoph Maurizio Lazzarato hat für die Vierte Welt einen Text geschrieben, der auf seinem in mehreren Sprachen erschienen Buch: Die Fabrik des verschuldeten Menschen, ein Essay über das neoliberale Leben basiert (Deutsch: b_books, Berlin 2012). Darin verschiebt er die gängige Perspektive der Beschreibung der Krise des Kapitalismus und analysiert die Struktur der Verschuldung von Staat und Individuen.

Die neoliberale Wende setzt in den 1970er Jahren ein und lässt den Geldmarkt zum Souverän der Ökonomie werden. Ab jetzt wird aus Geld mehr Geld gezaubert. Der alte Industrie-Kapitalismus erfindet sich neu, in dem er unmerklich, die allmächtige Figur des großen Gläubigers (Finanzmarkt – Finanzkrise – Schuldenkrise) generiert. Damit werden wir alle – der zum Unternehmer seiner Selbst gewordene Mensch, genau wie die arbeitende Arme  – in Schuldner verwandelt. Unser Fleisch, unserer Leben, unsere Zukunft und unser Trieb zur Gemeinschaft wird zum Rohstoff der neuen Schulden-Ökonomie. Wenn wir bisher glaubten, der Archetyp gesellschaftlicher Ordnung sei der Tausch, so lernen mit Lazzarato und Nietzsche, dass es vielmehr das Verhältnis Schuldner/Gläubiger ist. Die Fähigkeit des Menschen ein gegebenes Versprechens zu halten und seine Schuld wirklich zu tilgen, musste ihm, am Ursprung der gesellschaftlichen Ordnung, grausam in den Körper eingeschrieben werden. Der Kapitalismus bekommt so eine anthropologische Dimension und greift ganz unvermittelt nach unserer Existenz, nach der Zeit und der Zukunft, als offenem Raum menschlicher Möglichkeiten. Ein (neoliberaler) Alptraum! Die kapitalistische Produktion wird zur Antiproduktion. Wir leben nicht mehr in der Krise, wir leben in der Katastrophe. Und Lazzaratos Frage ist: Wie können wir diesem Alptraum entkommen und zu einer neuen Unschuld gelangen?

 

Die Performance-Reihe stellt die Frage: Lassen sich Lazzaratos Thesen über die Schuldenökonomie aneignen; können sie ein Werkzeug sein gegen die – sich souverän im Kreise drehende- Maschine neoliberaler Rationalität.

Mit Lazzaratos Text setzt sich Lubricat in drei  Übungen auseinander: 1 Philosoph, 1 Text, 1 Bühne und 2 Schauspieler.

In Übung 1 (November 2013) wurde die Kraft der neoliberalen Rationalität vorgeführt: Szene eins: Ein Mann, eine Frau und drei Handys. Szene zwei: Promotion. Szene drei: Die Maschine des perfekten, neoliberalen Lebens ist nicht bremsen. (Nov. 2013)

Übung 2 (Februar 2013) versucht, mit Lazzaratos Text einen Riss zu erzeugen: Die wie geschmiert laufende Reproduktionsmaschine neoliberalen Rationalität blockiert. Februar 2014

In Übung 3 {April 2014) versuchen wir uns mit dem Hammer von der neoliberalen Subjektivität zu entledigen.

 

Der Aktivist Maurizio Lazzarato lebt und arbeitet seit den 1970er Jahren im Pariser Exil. Er hat an der Universität Padua studiert, wo er an der Bewegung Autonomia Operaia beteiligt war, weshalb er in Italien angeklagt wurde. Er forscht über immaterielle Arbeit, Zersplitterung der Lohnarbeiterschaft, Ontologie der Arbeit, Kognitiver Kapitalismus und postsozialistische Bewegungen. Lazzarato schreibt über Kino, Video und neue Techniken der Bildproduktion. Er gehört der Redaktion der Zeitschrift Multitudes an.

 

Von und mit 

Claudia Wiedemer (Übung 2/3), Marcus Reinhardt und Judith van der Werff (Übung 1)

Ausstattung | Valentina Primavera und Johannes Maas  Video/Mapping | team prjktr. www.prjktr.net Dramaturgie | Annett Hardegen  Text | Maurizio Lazzarato   Inszenierung | Dirk Cieslak

Eine Lubricat [at] Vierte Welt Kollaborationen Produktion

Gefördert durch den Regierenden Bürgermeister von Berlin – Senatskanzlei – Kulturelle Angelegenheiten und durch die Konzeptionsförderung des Fonds Darstellende Künste e.V. aus Mitteln des Bundes

Übung 1 | 21./22.11.13

Übung 2 | 27./28.02.14

Übung 3 | 11./12.04.14

Do. 12. April 2014 Maurizio Lazzarto im Gespräch mit Felix Fiedler, Stephan Geene und Ludger Schwarte .

 

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