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 The Hacked System 3#: Politik, Internet & Social Media

Mo. 24.02.20 | 19:00

Die liberale Demokratie ist unter Druck geraten: Über die Utopie von Open Access und nihilistische Verwahrlosung des Netzes.

 

Ein Diskurs mit Dirk CieslakLukas FrankeNicolas Siepen und allen Anwesenden.

Speaker of the house: Marcus Reinhardt

 

Politik richt sich nicht nur immer in der Spannung zwischen dem Universellen und Singularitäten ein, sondern wird von dieser auch permanent zerrissen und zerfällt in Politiken.

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Die technologischen und sozialen Phantasien, die das Internet seit seiner Entstehung begleitet haben, waren stets von der Hoffnung geprägt, dass diese neuen Technologien mit Expansion, Befreiung, Integration und Demokratisierung der guten alten Massenmedien verbunden wären und jeder vom Empfänger zum potentiellen Sender werden könne. 

Die Einbahnstraße, die die Empfänger in der Passivität der Rezeption bei Buch, Radio und TV gehalten hatten, hat sich indes in einen Dschungel transformiert, in dem jeder zwitschert wie ihm der Schnabel oder das Ressentiment gewachsen ist und dabei die sozial-medialen Fabriken des Silicon Valley und ihren Profit mit seiner kleinen Existenz befeuert. 

Die Dimensionen und die Intensität dieser neuen Instanzen fordern das Amalgam aus Masse und Medium an sich heraus und stellen es radikal in Frage. Angesichts dieser Aspekte des Netzes und seiner Plattformen wurden viele affirmative Phantasien über das Internet von der Realität überholt – was linke Netz-Aktivisten der ersten Stunde wie etwa Geert Lovink vom „digitalen Nihilismus“ sprechen lässt, der alles Soziale im Begriff sei, zu verschlingen. An die Stelle telekommunistischer Visionen oder wenigstens des „global village“ ist ein globaler Zirkus des Wahnsinns getreten, in dem sich Djihadisten, Nazis, Untergangspropheten und Trash-TV-Darsteller die Klinke in die Hand geben, während das Publikum zwischen Ent- und Begeisterung hin- und hergerissen ist. 

Angesichts von Hatespeech in den Sozialen Medien und Shitstorms auch wegen nichtiger Äußerungen scheint der politische Raum und sein Personal schlecht für das digitale Zeitalter gerüstet. Die Digitalisierung, so scheint es, frisst nicht nur die industrielle Basis der Wirtschaft, die politische Debatte als solche wird zunehmend von Trolls und ihren noch hässlicheren Verwandten dominiert. Als endgültig dystopischer Fluchtpunkt muss derzeit wohl der Plan der chinesischen Regierung bezeichnet werden, das Verhalten der Bürger mit einem „Social-Credit“-System zu bewerten und je nach Kontostand Zugänge und Privilegien zu gewähren oder zu verweigern.

 

Ist es wirklich so schlimm? Dem Soziologen Dirk Baecker zufolge liefert die Digitalisierung lediglich neue Lösungen für zuvor bereits gelöste Probleme. Sein Kollege Armin Nassehi ist hingegen der Auffassung, westliche Gesellschaften kämen in technologischer Hinsicht erst mit der Digitalisierung richtig zu sich. Denn erst die Digitalisierung ermögliche, was die Moderne seit jeher versuche: Muster zu identifizieren und antizipierbar zu machen.

 

Auf der Habenseite lassen sich einstweilen die Kämpfe um den Zugang zu Wissen und etwa der bevorstehende Siegeszug von „Open Access“ in der Wissenschaft oder auch die Online-Enzyklopädie Wikipedia verbuchen. Auch ein Blick in den globalen Süden lässt das dystopische Bild der Digitalisierung zumindest brüchig werden, denn so sehr Mobilfunk und Internet als Instrumente der Überwachung dienen, so sehr erschweren sie es, die freie Verbreitung von Informationen wirksam zu unterdrücken.

Ist eine digital verbundene, globale Gesellschaft noch eine denkbare Möglichkeit? Oder ist das unausweichliche Resultat der Digitalisierung die totale Überwachung und der weitere unaufhaltsame Aufstieg rechter Demagogen?