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 Mit Sebastian Kirsch und Nicolas Siepen 

 

Die Veranstaltung findet als Open Air statt. Wg. beschränkter Zuschauerzahl ist eine Reservierung notwendig. Sie können der Veranstaltung auch via  Streaming Link online folgen.

Eintritt Frei

Zoom Meeting ID: 896 8633 8433

Di. 22.06.21 | 19:00 | Einlass 18:30

 Chor-Denken

Sorge – Wahrheit – Technik 

Drei Veranstaltungen mit Sebastian Kirsch und Freund*innen. Juni – Oktober 2021im Rahmen des Festivals 10 Jahre Vierte Welt. Gefördert durch den Hauptstadtkulturfonds.

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Viele neuere Theaterformen teilen ein auffälliges Interesse an chorischen Praktiken. Diese Aktualität des Chores, der zunächst vor allem an die Tragödie und die griechische Antike denken lässt, mag auf den ersten Blick überraschen. Bei näherem Hinsehen ist sie aber keineswegs verwunderlich: Nicht nur waren Chöre historisch immer wieder verbunden mit Prozessen der „Gefügebildung“, in den überlieferten antiken Stücken begegnen sie auch als Träger von unterschiedlichstem „Umgebungswissen“, das dort im Regelfall mit kosmologischen und mythologischen Wissensformen zusammenhängt. Mit beiden Stichworten, Gefüge und Umgebung, sind aber Diskurse berührt, die Kunst und Theorie gerade heute stark umtreiben: Zu denken ist etwa an die anhaltende Konjunktur von relationalen Modellen, die die Beziehungen in den Vordergrund stellen, in denen scheinbar geschlossene Dinge und Lebewesen stehen. Zu denken ist an ein verbreitetes Interesse an „Transversalität“, im Sinn von Übertragungsprozessen, die quer durch institutionelle Rahmungen und systemische Schließungen Ansteckungseffekte generieren (wofür auch die Pandemie ein Beispiel ist). Und zu denken ist an die heutige Bedeutung umweltbezogener Regierungsformen, die – im Verbund mit Netzwerktechnologien – Verhaltensweisen über Umgebungsvariablen zu steuern suchen (und die sogenannten „medienökologischen“ Theorien in den vergangenen Jahren großen Auftrieb gegeben haben).

Für die große Bedeutung des Chores im Gegenwartstheater scheint aber noch etwas anderes ausschlaggebend zu sein. Denn allein schon weil seine historischen Anfänge im Nebel liegen, lässt er sich nicht auf die Geschichte einer Institution „Theater“ reduzieren und weist in gewisser Weise über deren Rahmen hinaus. Gerade wegen dieses Schwellenstatuts scheinen chorische Praktiken aber immer wieder in der Lage zu sein, betriebliche Selbstreferenzen aufzubrechen und disziplinär beschränkte Theaterkunst überhaupt „in die Welt“ hinein zu öffnen.

Der Theaterwissenschaftler Sebastian Kirsch geht der Geschichte des Chores im Kontext dieser Themen nach und stellt dabei die Frage, ob es eine Weise des Denkens und des Philosophierens gibt, die selbst chorisch genannt werden kann. An drei Abenden wird Kirsch, dessen Buch „Chor-Denken“ 2020 erschienen ist, gemeinsam mit drei Gästen diesen Möglichkeiten genauer nachspüren. 

 

 
Veranstaltung 1: Chor und Wahrsprechen (parrhesia)

Sebastian Kirsch und Nicolas Siepen  

 

„Ein Betrunkener gebraucht parrhesia, weil er im Weinrausch nicht nur über sich, sondern auch über alle anderen die Wahrheit offenbart.“

(Philochoros in Aischylos‘ Fragment 11)

 

Der erste Teil der „Chor-Denken“-Reihe ist möglichen Zusammenhängen zwischen chorischem Sprechen und dem antiken Begriff der parrhesia, des freimütigen „Wahrsprechens“, gewidmet. Diesem Begriff schenkte Michel Foucault in seinen letzten Arbeiten besondere Aufmerksamkeit, wobei seine diesbezüglichen Ausführungen – etwa in „Der Mut zur Wahrheit“ – sich durchaus wie ein später Beitrag des Philosophen zur free speech-Bewegung der 68er lesen. So geht es Foucault zufolge bei der parrhesia immer um eine riskante Rede, zum Beispiel um den Mut, dem Tyrannen die Wahrheit ins Gesicht zu sagen oder durch offene Kritik eine Freundschaft auf Spiel zu setzen.

Allerdings handelt es sich bei der parrhesia auch um ein sehr fremdartiges Konzept, dessen Wahrheitsbegriff zum Beispiel ohne Bezug auf eine diskursiv gewonnene Erkenntnis auskommt. Mehr noch: Die Wahrheit der parrhesiastischen Rede bekundet sich laut Foucault häufig auch in schockartigen Inszenierungen, die sich im Zweifelsfall sogar bis zum Selbstmordattentat zu steigern vermögen. Schon deswegen stellt sich die Frage, wie sich Foucaults Überlegungen zur parrhesia 40 Jahre später lesen. Wie ist das Rauschhafte parrhesiastischer Wahrheit einzuschätzen, auf das beispielsweise das obige Zitat des Aischylos hindeutet? Gibt es Verbindungen zwischen parrhesia, Chor und dem von Deleuze/Guattari entwickelten Begriff der „nomadischen Kriegsmaschine“? Und was soll man aus der Tatsache machen, dass sich im 21. Jahrhundert gerade rechte Identitäre gerne als „freimütige Alles-Sager“ inszenieren?

 

Sebastian Kirsch ist Autor und Theaterwissenschaftler und hat in Bochum, Düsseldorf, Stockholm und Wien gelehrt. Zuletzt erschien Chor-Denken. Sorge, Wahrheit, Technik (zugleich Habilitation). Mit einem Forschungsprojekt zu Hermann Broch war Kirsch 2019/2020 als Humboldt-Stipendiat am German Department der New York University assoziiert, derzeit ist er am Berliner Leibniz-Zentrum für Literatur- und Kulturforschung zu Gast.  Daneben war Kirsch 2007-2013 Redakteur von Theater der Zeit; dramaturgische Zusammenarbeiten verbinden ihn mit Hans-Peter Litscher und Johannes Schmit.

 

Nicolas Siepen ist Künstler/Filmemacher, Theoretiker und Mitbegründer von b_books und dem Performing Arts Forum (PAF). In den 90er Jahren war er Teil der Künstlergruppe KlasseZwei und der Band ZigarettenRauchen. Von 2009 bis 2016 war er Professor für Bildende Kunst an der Academy of Contemporary Arts in Tromsø, Norwegen. Derzeit arbeitet er mit der Vierten Welt zusammen. Lebt und arbeitet in Berlin.