Flugblätter und Vermischtes über die Vierte Welt

 
Die Wiederkehr der Plebs

Maria Muhle | 2013

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In Michel Foucaults Machtanalytik ist die „Plebs“ eher ein rand-ständiger Begriff, der vor allem in den zeitdiagnostischen und militanten Texten der 1970er Jahre eine Rolle spielt. Es handelt sich hier vor allem um jene Texte und Interviews, die im Zusammenhang mit Foucaults Engagement für die Groupe d’information sur les prisons (Informationsgruppe Gefängnis) und mit der blutigen Niederschlagung der Algerischen Demonstranten durch die französische Polizei in Paris am 17. Oktober 1961 entstanden sind, aber auch um die Texte zum „Dossier Rivière“, der Untersuchung jenes Memoires des Familien-mörders, das Foucault 1973 unter dem Titel Moi, Pierre Rivière ayant tué ma mère, ma soeur et mon frère veröffentlicht hat.1)  Diese Aufzählung der unterschiedlichen Momente oder Figurationen, in denen die Plebs in Erscheinung tritt, ist insofern wichtig, als es die einzige Möglichkeit ist, das Phänomen des Plebejischen zu begreifen. Denn, so Foucault, „‚Die‘ Plebs existiert zweifellos nicht, aber es gibt‚ ‚etwas‘ Plebejisches [il y a de la plèbe] in den Körpern und den Seelen, es gibt es in den Individuen, im Proletariat, im Bürgertum, aber mit verschiedenen Erweiterungen, Formen, Energien und Ursprünglichkeiten.“2)

Das Plebejische steht mit der Macht in einem unauflöslichen Wechselverhältnis – jedoch nicht als ihre „Außenseite“, sondern vielmehr als „ihre Grenze, ihre Kehrseite, ihr Nachhall“: das Plebejische „reagiert auf jeden Vorstoß der Macht mit einer ausweichenden Bewegung“, was wiederum „jede neue Bewegung des Machtgefüges motiviert“.3)  In diesem „plebejischen Zirkel“ ist das Plebejische jenes etwas, das „in den Klassen, in den Gruppen und in den Individuen selbst, […] in gewissem Sinne den Machtverhältnissen entgeht; etwas, das nicht der mehr oder weniger formbare oder widerspenstige Rohstoff, sondern eine zentrifugale Bewegung, eine gegenläufige, befreite Energie ist“.4) 

Die Plebs hat keine Substanz; im Gegensatz zum Volk als eingeschriebene, sichtbare und sagbare historische Größe ist es unmöglich, ihr die Rolle eines historischen Subjekts zuzuschreiben; vielmehr erscheint sie unregelmäßig und produziert, immer in Abhängigkeit von den äußeren Bedingungen, unterschiedliche, oft gewaltsame Unterbrechungen, Verschiebungen und Verunsicherungen, so Alain Brossat: „[Die Plebs] löst sich auf und setzt sich wieder zusammen, sie ist immer veränderbar, ein Strom aus Kämpfen und Widerständen, eine Konkretisierung von Affekten und Subjektivierungs-bewegungen, die mit Handlungen verschränkt sind.“5)

Das bedeutet, dass die „Geschichte“ der Plebs nur genealogisch geschrieben werden kann, anhand der Phänomenologie ihrer Erscheinungen, seien diese literarische, kinematographische oder realpolitische Figurationen: Bei Alain Brossat findet die Behandlung von Melvilles Matrosen Billy Budd oder des Apothekersohns Lucien aus Balzacs Verlorenen Illusionen derart ihr realpolitisches Pendant in Sarkozys Ausspruch über die „racaille“, den „Abschaum“ in der Pariser Banlieue Argenteuil oder den Londoner „riots“ und den anschließenden Express-Prozessen. Das bedeutet jedoch nicht, dass eine solche Phänomenologie plebejischer Momente und Figuren dazu angetan ist, einen „Kult der Plebs“ zu begründen (oder sie in den Horizont eines kollektiven Gedächtnisses einzuschreiben), noch als Aufforderung verstanden wird, den Platz der Schwächsten der Gesellschaft einzunehmen bzw. – und davor haben Foucault und Deleuze immer wieder gewarnt – für diese Schwächsten zu sprechen, also an ihrer statt und sie damit erneut in eine Abhängigkeit, diesmal vom aufgeklärten, gut gesinnten Intellektuellen zu drängen.

Vielmehr geht es darum, die plebejischen Figuren gerade in ihrer Ambivalenz zu begreifen, denn es ist diese Ambivalenz, die ins Herz der gegenwärtigen biopolitischen Immunisierungsstrategien reicht: Plebejisch ist dann die Fähigkeit, eine Position einzunehmen (tenir une position) und damit jenen Strategien entgegenzugehen, die es um jeden Preis zu verhindern suchen, dass eine Spaltung in der Gesellschaft auftritt. Die populärste Äußerung dieses Immunisierungssystems ist, Brossat zufolge, die gegenwärtige verallgemeinerte Kulturalisierung aller Lebensbereiche, deren Ziel es ist, die politischen Konflikte in einer „Kulturgesellschaft“ zu verflüssigen.6)  Anstelle eines politischen Konflikt-raumes wird so eine Gemeinschaft in und durch Ununter-scheidbarkeit etabliert, die durch ihre immer wieder erneuerte inkludierende Geste den politischen Dissens unmöglich machen soll. Die plebejische Gewalt als „gegenläufige, befreite Energie“ adressiert diese Immunisierungsstrategien nicht einfach nur ideologie-kritisch – um sie dann ggfs. künstlerisch zu verarbeiten –, sondern sie entzieht sich ihnen, indem sie der Masse an kulturellen Strömungen, Bildern und Nachrichten eine Position entgegenstellt und diese „hält“. Während die kulturelle Demokratie darauf abzielt, Gegensätze konsensuell zu entschärfen, ist es die Wirkung der plebejischen Fähigkeit, plötzlich in Aufruhr zu geraten – oder „wiederzukehren“ –, ebenjene Gegensätze an den Rändern der Gesellschaft unwiderruflich offenzulegen und in deren Zentrum zu tragen. Diese Wiederkehr ist keinesfalls „idyllisch“ und sie vereint paradoxer- und provokanterweise die bereits genannten Lucien und Billy Budd mit dem Familienmörder Pierre Rivière, den massakrierten Algeriern 1961 in Paris, aber auch mit den Attentaten vom

11. September 2001 bzw. mit der Reaktion auf diese Attentate, insofern sie allesamt Zeugen einer blutigen, hypergewaltsamen Geschichte sind.

In diesem Sinne kann es keinen Kult der Plebs geben, wie es einen Proletkult geben konnte – vielmehr liegt hier der maßgebliche Unterschied zwischen Foucaults Verständnis der Plebs, dem Brossat folgt, und jenem revolutionären Verständnis der traditionellen Linken der 1960er und 1970er Jahre: denn die Radikalität des Begriffs ist es, dass Foucault sich damit weigert, die Kriminalität von der politischen Aktion zu unterscheiden und die Plebs genauso den Kriminellen wie den Anarchisten oder den Jugendlichen der Banlieues bezeichnen kann. Damit widersetzt sie sich einerseits ihrer multikulturellen Befriedung und ihrer kulturellen Verflüssigung, genauso wie ihrer Einverleibung in den universalistischen Diskurs über das konstituierte Volk, sei dieses das rechte, nationalistische Volk, oder das linke, klassenkämpferische Volk – anderseits wird damit jedoch auch klar, dass die Plebs weder immer auf der „richtigen“ noch auf der „falschen“ Seite steht… Vielmehr ist das Plebejische eine immer neue und immer andere Figuration jenes „Unregierbaren“, das am Rand der Gesellschaft, als „Nachhall“ der Macht erscheint und von dort ins Herz der gegenwärtigen Biopolitik vordringt und diese in ihrem innersten Funktionieren ins Leere laufen lässt: „Die Rückkehr der extremen Gewalt ins Herz der (ehedem) geheiligten Metropolen erscheint hier als die ‚Kehrseite‘ der Verwahrlosung jener Bevölkerungen, die auf die falsche Seite der globalen Biopolitik gefallen sind.“7)

 

Maria Muhle

 

1 Michel Foucault, Der Fall Rivière, Frankfurt/M.: Suhrkamp 1975.

2 Michel Foucault, „Mächte und Strategien“ [1977], in: Dits et Ecrits. Schriften, Band III,

Frankfurt/M.: Suhrkamp 2003, S. 542.

3 Ebd.

4 Ebd.

5 Alain Brossat, Plebs Invicta, Berlin: August Verlag 2012, S. 46. 6 Vgl. Alain Brossat, Le

grand dégoût culturel, Paris: Seuil 2008. 7 Brossat, Plebs Invicta, S. 137.

6 Vgl. Alain Brossat, Le grand dégoût culturel, Paris: Seuil 2008. 7 Brossat, Plebs Invicta,

S. 137.

7 Brossat, Plebs Invicta, S. 137.

Maria Muhle ist Professorin für Ästhetische Theorie an der Merz Akademie Stuttgart und Mitbegründerin des August Verlags Berlin. Alain Brossat ist emeritierter Professor für Philosophie in Paris 8. In seinem Buch, Plebs Invicta, untersucht er die Plebs aus philosophischer, literarischer und filmischer Perspektive als eine politische Figur, die sich den tradierten Beschreibungen des Volkes entzieht und an den Rändern der Politik erscheint. Alain Brossat, Plebs Invicta, Kleine Edition 9, August Verlag Berlin, 9,80 Euro