Flugblätter und Vermischtes über die Vierte Welt

 
HARLANS KINDER ACHT TAGE ACHTZIG WAHRHEITEN

Matthias Dell | 2012

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Thomas Harlan ist eine verführerische Gestalt, und das gilt in beiderlei Hinsicht; es betrifft die Person und das Werk, dem sie vorsteht. Das Interesse für die Person könnte man für eine Angelegenheit des Boulevards halten – wer von der Kunst redet, ist gewöhnt, sich mit Biografie nur am Rande zu beschäftigen. Das ist im Fall von Thomas Harlan schon

aus zwei Gründen schwer möglich. Zum einen war Harlan “ein absolutes Wunderkind der Nachkriegsgeneration, er war hübsch, bezaubernd, frech, ungeheuer kritisch”, wie Inge Feltrinelli einmal gesagt hat, und der Nachgeborene kann sich davon eine Ahnung machen, wenn er Bilder sieht; Fotos, aus denen die Faszination Harlans noch als Resultat seiner

Schönheit spricht, oder Filmausschnitte aus “Notre Nazi” von 1984, einem Dokumentarfilm, den Harlan hat drehen lassen, während er “Wundkanal” drehte, in dem man einen Eindruck bekommt von seinem Machertum, seiner wahnsinnigen Energie und Kraft und auch davon, welche manipulative Gefährlichkeit davon ausgehen kann.

Zum anderen ist die Biografie von Thomas Harlan immer schon Kunst gewesen und nicht aufzählbare Chronik eines Lebens. “Wandersplitter”, der Film, den er – wenn es nicht sowieso ein Film von ihm ist, sein vierter und letzter Film, bei dem der Dokumentarist Christoph Hübner “nur” die Kamera geführt hat und Gabriele Voss den Schnitt besorgt – hat drehen

lassen über sich und sein Leben, heißt im Untertitel “Eine Anti-Biographie”. “Wandersplitter” ist wie das Gesprächsbuch “Das Gesicht deines Feindes” von Jean-Pierre Stephan (das seit der Neuausgabe bei Rowohlt dann, reißerischer, “Hitler war meine Mitgift” heißt) eine Insel, von der aus man in den Ozean des gleichsam überschaubaren Werks ziehen kann, ein Index zu diesem, der aber selbst Literatur ist. Gerade als Film, der nichts macht als einen alten, kranken Mann zu zeigen in der Dienstfertigkeit eines Krankenhauses und Meyers buntes Taschenlexikon im Hintergrund. In diesem Mann wohnt der hübsche, freche, bezaubernde, ungeheuer kritische immer noch wie hinter einem Anzug aus Körper.

Und er spricht noch einmal anders, als seine Büchern sprechen, weil man die Stimme hat, die die komplexe Syntax der Erzählung nicht nur horizontal, sondern auch vertikal organisiert. Ohne die Stimme, beim Versuch, die Geschichten nachzuerzählen, die Harlan als Stationen seines Lebens ausgibt, fällt der Zauber in sich zusammen, weil man sich oder der

Zuhörer die Geschichten nicht mehr glaubt, die man gerade noch tief verstanden zu haben angenommen hatte. Geschichten über die Hinterhöfe der Vernichtung des Nazis, die bei Harlan zu den Hauptschauplätzen werden. Also nicht Auschwitz, sondern Chelmno, Kulmhof, wie in “Rosa”. Die Bewegungen auf diesen Hinterhöfen, die Hauptschauplätze sind, sind kurz und direkt, es entsteht das Gefühl wie in einer Verschwörungstheorie, alles auf einmal verstehen zu können, dass etwa die Linien der deutschen Verbrechen unter den Nazis zu einem jährlichen Treffen in einem Fliesengeschäft bei Stuttgart führen, in dem die überlebenden, unbelangten Verantwortlichen zusammenkommen einmal im Jahr.

Es erscheint als sinnvoll, wenn man sich fragt, was von Thomas Harlan zu lernen ist, welche Enden aus dem Kosmos, das sein im Werk strukturiertes Leben ist, herausführen, sich Thomas Harlan nicht als etwas so klar umrissenes wie eine Gestalt vorzustellen, sondern eher als so etwas schwer greifbares wie ein Medium. Die Werke, das frühe Stück, die Filme

und die späten Bücher (hätte es die ohne die Krankheit und den zehn Jahre dauernden Epilog des Lebens im Krankenhaus überhaupt gegeben?), wirken dann wie Behälter, in denen etwas geronnen ist, gerinnen konnte als aufhebbar für die Nachwelt, was diesem hastigen Leben nur unter Umständen (etwa/eben der Krankheit) abzuringen war.

Und da liegt dann etwa so ein Klotz wie “Heldenfriedhof”, ein Buch, ein Steinbruch, in den man immer wieder hineingehen kann, ohne das man jemals mit dem Gefühl zurückkehren würde, vorangekommen zu sein mit dem Tagwerk des Lesens und Verstehens, das man schon nach der dritten Seite zuklappen möchte, wenn einem das Buch im Buch selbst

begegnet an dem Tag vor dem Tag, an dem, so minutiös beschrieben, der “Verwaltungsobersekretär Domenico Rapaport”  auf dem Friedhof Opicina die Entdeckung macht von 14 Leichen im Grab des an der Aktion Reinhard beteiligten SSMajors

Christian Wirth – als Abdruck eines Fortsetzungsromans eines Heinrich Duerr in einer Triester Tageszeitung. Der Impuls, das Buch zuzuklappen, verdankt sich der Unsicherheit der Rezipientenhaltung; dass man hier nicht als Leser vorbeischaut, sondern dass einem der Grund unter dem Lesesessel verloren geht, weil einen das Buch um die Sicherheit

des Nachgeborenen betrügt, der sich die Geschichte anguckt aus fernerer Warte, weil es, wie in der Fabel vom Wettlauf zwischen Hase und Igel, aus lauter Igeln besteht, die immer schon da sind, wohin man gerade zu kommen glaubte. Geschichte ist nicht das, was hinter einem liegt, sie umgibt einen. Die Befassung mit Thomas Harlan hat also etwas von einem Sog, in den man unweigerlich hinein gezogen wird und gegen den man sich zu sträuben versucht mit dem Wort “faszinierend”, als könne man damit die Bewunderung – die eigentlich eine Anerkennung des Involviertwerdens in diesen Kosmos ist, die Ahnung, dass einen das alles stärker angeht, als der eigene Lesesessel vermeint –, auf Abstand halten. “Faszination” wäre auch das nüchterne, um innerfamiliäre

Gefühle bereinigte Wort für das Verhältnis Thomas Harlan zu seinem Vater Veit, dem Regisseur von “Jud Süß”, der im Mittelpunkt des ganzen Leben/Werks des Sohns steht. Das schmale Buch “Veit”, das letzte, kurz vor dem Tod diktierte, ist Dokument dieser Faszination, die schal wirken kann, weil der Sohn da selbst lange ein Großvater ist und “Veit” eigentlich das erste Buch sein müsste. Radikal gesprochen ist es das einzige, weil es die Frage nach Verantwortung für die Taten des anderen, die man nicht begangen, mit dem man aber zu tun hat, noch einmal heraufbeschwört als Testamentseröffnung. Man kann von Thomas Harlan schwerlich unbeeindruckt sein, und auch deshalb ist der Begriff des Mediums angebracht. Thomas Heise hat einmal erzählt, wie er sich mit den Erzählungen Harlans im Hinterkopf selbst auf eine Spurensuche in der Vergangenheit begeben hat und irgendwann rumgelaufen ist wie ein Staatsanwalt, der überall nur noch Indizien sieht. Mir ist das selbst auch einmal so gegangen, in meinem Fliesengeschäft, das ein leeres Hotel zur Weihnachtszeit war, in dem es, einmal Gästehaus der DDR-Oberen gewesen, plötzlich zu wimmeln schien von

einer Parallelgesellschaft, die hinter meinem Rücken ihr Jahrestreffen veranstaltete, bei dem das Gestern unhinterfragtes Heute war.

Von all den verführerisch schönen Sätzen, die es von Thomas Harlan gibt, hat mich die Aufforderung, man müsse das Ich klein schreiben, vielleicht am meisten beeindruckt. Vor dem Hintergrund der Egomanie, die für den Kraftakt von Harlans Schaffen nötig war, wirkt der Satz kokett; aber es geht ja nicht um Biografie als aufzählbare Chronik, es geht um Erzählung. Und dann steckt in dem Satz nicht der Wunsch, sich zu versöhnen, indem man sich raushält, sondern um das Zulassen eines Begriffs von Verantwortung, vor dem sich Ich durch die Ressentiments des Persönlichen schützt.

Matthias Dell

 

Matthias Dell ist Kulturredakteur bei der Wochenzeitung “Der Freitag”

und freier Autor für epd-Film und cargo.

 

Grafik: dankegrafik | Fotos: Roger Rossell, Vierte Welt