Flugblätter und Vermischtes über die Vierte Welt

 
STADTPLAETZE, EIN THEATER DER LEERE

Ludger Schwarte | 2012

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Nicht wegen der Unzahl von Menschen sind Städte ein Problem für Regierungstechniker, sondern weil sie Phänomene des Urbanen hervorbringen, zu denen Aufstände zählen. In dem Maße, wie die Bildung freier Assoziationen der Menschen effektiv durch die Formalisierung der Teilnahme verhindert wird, stellt die massenmediale Öffentlichkeit ein Sedativ dar. Nur Menschen, deren Stimme zählt, können sie nutzen. Die Pressefreiheit kaschiert die Unterdrückung der Demokratie und ihrer Öffentlichkeitsformen durch repräsentative Regierungsformen. Nicht umsonst gilt seit dem Ende des 18. Jahrhunderts bereits die Pressefreiheit. Erst weitere hundert Jahre später wurde die eingeschränkte Versammlungsfreiheit eingeräumt. Aber bis heute gilt die nicht angemeldete Ansammlung von Menschen im öffentlichen Raum als „Zusammenrottung“ und kann polizeilich aufgelöst werden.

Die Architektur der Stadt ist gekennzeichnet durch zerstreut angelegte öffentliche Räume. Die Öffentlichkeit dieser Räume rührt aus ihrer Offenheit, mit der sie privaten, aber auch kommunalen, staatlichen oder sonst wie polizeilich verfassten Räumen entgegen treten. Öffentliche Räume sind Freiflächen, aber auch Verdichtungen und intime Lagen, in der die Menschen und Dinge in ihrer Pluralität in Erscheinung treten können und die sie mit ihrem Gespür und durch ihre Handlungen verändern. Ein Begriff der Stadt muss daher über gebaute Strukturen hinausgehen und klimatische Wechsel, politische Eingriffe und kulturelle Vollzüge, ästhetische Dynamiken und ontologische Widersprüche erfassen, so dass wir die Architektur der Stadt wesentlich als kollektive Performanz begreifen können, die überhaupt erst ein Zusammen hervorbringt, das geordnet werden könnte.

Prozessionen, Paraden und Demonstrationen geben deutliche Beispiele für soziale Rhythmen, in denen sich eine Gesellschaft eine Gestalt gibt, die sich in einem urbanen Klima formiert. Stets werden bei den Prozessionen wie bei Aufmärschen Machtdemonstration und ästhetisches Spiel ineinander verwoben. Jedoch können Prozessionen durchaus auch Felder politischer Fermentation oder Arenen für die Infragestellung politischer Herrschaftsverhältnisse sein.

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Ilja Trojanow: Radikalisiert schaue ich in die Zukunft. Ich bin inzwischen überzeugt, dass es entweder eine völlige Umwälzung unserer ökonomischen, politischen Verhältnisse geben muss oder ich sehe die mit Abstand düsterste Periode der Menschheit vor uns, weil die ökologisch-sozialen Katastrophen in den nächsten 10 bis 20 Jahren dramatisch werden. Wenn es so bleibt, wie jetzt, bin ich zutiefst pessimistisch – aber ich bin schon der Ansicht, dass der Mensch die erstaunliche Fähigkeit hat, sich doch zu besinnen und irgendwie aufzuwachen und aufzustehen.

(aus dem Interview: Eine Spirale der Aufrüstung, in Polar 11, 2011)

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Städte bieten noch immer unverzichtbare Ressourcen zur Änderung der Wirklichkeit. Es ist unzweifelhaft, dass es die schier unübersehbare Anzahl der Menschen auf dem Tahrir-Platz war, vor der der Polizeistaat Hosni Mubaraks letztlich in die Knie gegangen ist. Dieser Platz war Ort von Kundgebungen, Schlachtfeld, Ort des Protestes und des Ausharrens, vielleicht wird er als der Ort des Triumphes im Gedächtnis bleiben. Viel ist über die neuen Medien geschrieben worden, die zur Mobilisierung der Massen beigetragen hätten. Doch die Revolution fand weder in Frankreich 1789, noch in Deutschland 1989, noch jetzt in Tunesien noch in Ägypten, noch sonstwo, in Massenmedien statt. Meinungen und Nachrichten kann man rasch über Journale und Flugblätter, über Radio und Fernsehen, über das Internet verbreiten. Doch verschaffte sich die Menge der Menschen in Tunesien und Ägypten deshalb auf Straßen und Plätzen Gehör, weil sie von den Orten der Macht ausgeschlossen ist. Solange die oligarchische Macht architektonisch, durch Mauern, Stacheldrähte, panoptische Sichtasymmetrien, gesichert wird, wird es zu repräsentativer Gewalt auf den Straßen und Plätzen kommen. Damit eine Revolution stattfindet, muss man einen Platz besetzen

und eine Tür eintreten; das bessere Argument allein verändert die Welt nicht. Unsere europäischen Regierungen lieferten in den Wochen des Aufstandes Repressionsequipment anstatt Megaphone oder humanitäre Hilfe. Aber auch sie haben mit ansehen müssen, wie schnell ein Regime, das niemand totalitär oder auch nur diktatorisch nannte, sondern das auf (irgendwelchen) Wahlen basierend Freiheitsrechte einschränkt, vom Volkszorn getroffen und weggefegt werden kann – trotz Überwachungskameras, Folterschergen und Militär. Was die Aufständischen benötigten, waren breite Boulevards, über die sie ziehen konnten, wie die Corniche in Alexandria, und unübersichtliche, weite Plätze, wie den Tahrir-Platz in Kairo. Bestünde Kairo nur aus Soukhs und Basaren, die Irruption der Massen auf der politischen Bühne hätte nicht stattfinden können. Die Existenz von Stadtplätzen ist alles andere als selbstverständlich. Daher griffe eine Betrachtung zu kurz, die neuzeitliche Stadtplätze nur im Hinblick auf ihre ästhetischen Vorbilder, Ordnungsmuster und ökonomische Bestimmungen hin befragt. Denn ohne die Einbeziehung der politischen Kräfte und das Aufkeimen der Volkssouveränität lässt sich gerade die Leere der Plätze nicht würdigen. Die Piazzen gibt es in dieser Form überhaupt nur, weil die norditalienischen Kommunen im späten 12. Jahrhundert begonnen haben, für neue zivile Lebensformen adäquate Stadträume zu entwickeln. Stadtplätze sind nicht nur Symbole politischer Ansprüche, sie ermöglichen es auch praktisch, die Versammlungen der Kommune auszuweiten und

zu vertiefen. Sie verwandeln das Nebeneinander in ein Miteinander. So ist der Campo von Siena ein gemeinsames Feld, das die Abhänge der vereinten Dörfer zusammenführt, eine Grenzfläche, aus der eine gemeinsame Wahrnehmung erwächst. Die Piazzen in Venedig, Florenz, Siena und Pisa sind Manifestationen republikanischer Bewegungen. Der Stadtplatz zeigt die architektonische Kraft des Kollektivs. Die Bevölkerung gewinnt darauf ihre Würde und Mündigkeit; hier blickt sie sich selbst ins Gesicht. Will man dieser Bewegung entgegentreten, muss vor allem die Macht des Stadtplatzes unterbunden werden. Der Übergang von der republikanischen zur Prinzipatsverfassung lässt sich in Florenz auch als Einrücken der Statuen auf den Platz beobachten – von Rändern, Nischen, Seiteneingängen und toten Winkeln der Nutzung hin zur Besetzung der Kreuzungspunkte und Verbindungslinien. Durch diese Platznahme wurden republikanische Nutzungsformen unterbunden. Die Monumentset–

zung entschädigt für die Einschränkung des Gebrauchs durch Ästhetisierung.

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Slavoj Zizek: Statt zu sagen “die Zukunft ist noch offen, wir haben immer noch die Möglichkeit zu handeln und das Schlimmste abzuwenden”, sollten wir die Unausweichlichkeit der Katastrophe akzeptieren und dann darauf hinwirken, rückwirkend ungeschehen zu machen, was schon als unser Schicksal “in den Sternen stand”.

(aus: ders., Die bösen Geister des himmlischen Bereichs, Der linke Kampf um das 21. Jahrhundert, 2011)

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Jenseits dieser Mediatisierung und Monumentalisierung ist der Stadtplatz nicht nur die Bühne, auf der die Bürger einander begegnen, sondern auch ein Raum, der aus den existierenden Kommunikationstrassen springt. Stadtplätze sind nicht nur kommunale, sondern öffentliche Orte. Denn sie sind prinzipiell Allem und jedem Beliebigen zugänglich, sie sind nicht bestimmten Handlungen vorbehalten, sondern geben all dem Raum, was noch nicht identifiziert ist. Nachts bergen sie den Schmelz städtischer Intimität. Dadurch verbreiten sie ein facettenreiches Flair, eine Verdichtung der Zeit. Über alles Symbolische und Imaginäre hinaus bieten Stadtplätze in Frankreich, in Deutschland, in Tunesien oder Ägypten, die reale Möglichkeit der Versammlung und der Demonstration der Macht gegenüber illegitimer Herrschaft. Solange es sie gibt, ist es nur eine Frage der Zeit bis wir uns, fast aus Versehen, zusammenrotten.

Ludger Schwarte

 

Ludger Schwarte: Professor für Philosophie an der Kunstakademie Düsseldorf