Diskurs | Veranstaltungsreihe 

 
Theoriekantine #1 – 14

[ Seit Feb. 2012 in der Vierten Welt ]

 Muhle | Rebentisch | Schwarte | Setton 

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Die Theoriekantine ist ein offenes Diskursformat, zu dem in regelmäßigen Abständen die PhilosophInnen Maria Muhle, Juliane Rebentisch, Ludger Schwarte und Dirk Setton in die Vierte Welt einladen. Mittels Theorie wird die Gegenwartsdiagnose mit einem Blick in die Zukunft verbunden.  

 

Maria Muhle Professorin für Philosophie und Ästhetische Theorie an der Akademie der Bildenden Künste in München.

Juliane Rebentisch Professorin für Philosophie und Ästhetik an der HfG Offenbach

 

Ludger Schwarte Professor für Philosophie an der Kunstakademie Düsseldorf

Dirk Setton Postdoc am Exzellenzcluster Die Herausbildung normativer Ordnungen / Goethe-Universität Frankfurt a. M.

Theoriekantine #14
Mimesen und Milieus

Juli So. 09.07.2017 | 20:00

In seinem Text „Mimese und legendäre Psychasthenie“ (1935) führt Roger Caillois die Mimese als einen lebenswissenschaftlichen Begriff ein, dessen Pointe darin besteht, gängige Unterscheidungen aufzulösen, die den Lebensbegriff seither bestimmt haben. 

Dies betrifft vor allem die Unterscheidung zwischen dem Organismus und seiner Umgebung – „es gibt zumindest keine, bei der der Eindruck der Trennung unmittelbarer wäre“. Die klare Abgrenzung zwischen Organismus und Milieu, die Caillois hier zunächst anhand mimetischer Insekten aber auch anhand psychasthenischer menschlicher Individuen untersucht, wird durch die exzessive Nachahmung der Mimese – die keinesfalls als Verteidigungsmechanismus zu verstehen sei – derart gestört, dass es zu einer „Depersonalisation durch Angleichung an den Raum“ kommt. Georges Canguilhem spricht 1946 zum ersten Mal vom Milieu als einem „universalen und notwendigen Modus der Erfassung von Erfahrung und Existenz der Lebewesen“. 

Der Begriff des Milieus erscheint so als eine zentrale „Kategorie des zeitgenössischen Denkens“. Vor dem Hintergrund eines solchen „Milieuwissens“ diskutieren Maria Muhle, Juliane Rebentisch, Ludger Schwarte und Dirk Setton die Implikationen jener lateralen Bewegungen zwischen menschlichen und tierischen Verhaltensweisen, die Caillois bereits in seinem Titel andeutet und die im Anschluss Übergängigkeiten von Lebenswissenschaften und Ästhetik suggerieren, die sich jenseits einer empirischen Ästhetik situieren.
 
Theoriekantine #13
Für eine künftige Kunst

November | Sa. 05.11 | 20:00

Was kennzeichnet die zeitgenössische Kunst, im Unterschied zur modernen Kunst? Dies war eine der zentralen Fragen, die wir in der Theoriekantine #8, in Auseinandersetzung mit Juliane Rebentischs Buch “Theorien der Gegenwartskunst” diskutiert haben. 

Wenn die Kennzeichen richtig bestimmt worden sind, liegt aber sogleich die Vermutung nahe, dass die Zeitgenössische Kunst, mit ihren Eigenschaften, mit ihrem politischen Projekt, mit ihren Theorien, auch (nur) eine Epoche künstlerischer Entwicklung darstellt; und nun womöglich zu Ende geht. Wie erklärt sich, dass das, was “Kunstwerk” und “künstlerische Tätigkeit” heißt, solchen radikalen historischen Umbrüchen unterworfen ist? Inwiefern ist es die spezifische zeitliche Struktur zeitgenössischer Kunstwerke, aufgrund derer sie unzureichend bzw. verwerflich erscheinen? Welche Anforderungen lassen sich für eine Kunst formulieren, die die zeitgenössische Kunst ablöst?

 

Anlässlich seiner jüngst im Merve Verlag erschienenen Notate für eine künftige Kunst diskutiert Ludger Schwarte mit Kathrin BuschJuliane Rebentisch und Georg Bertram.

Gäste der Theoriekantine # 13

Kathrin Busch Professorin an der UdK Berlin im Fachbereich Product & Fashion Design

Georg W. Bertram Professor am Institut für Philosophie FU Berlin

Theoriekantine #12
Mimesis

Samstag 19. Dezember 2015 | 20:00

Vielleicht ist es an der Zeit, eine Selbstverständlichkeit der zeitgenössischen Kunsttheorie zu verabschieden: das Dogma von der Mimesis-Feindlichkeit aller künstlerischen Praxis. 

Die gängige ästhetische Fortschrittserzählung geht davon aus, dass sich das moderne Kunstverständnis als Antithese zum antiken Mimesis-Paradigma herausgebildet hat – zur Auffassung, dass alle artistische Darstellung auf eine „Nachahmung der Natur“ verpflichtet und insofern keine genuin schöpferische Tätigkeit ist. Folgt man dem Philosophen Hans Blumenberg, dann hat diese Verwerfungsgeschichte der Nachahmung jedoch eine Kehrseite. 

Denn das „vehemente Pathos“, mit dem das Attribut des Schöpferischen für die Kunst gewonnen wurde, lässt paradoxerweise die Nachahmung als einen „mimetischen Drang“ wiederkehren, der auf den mobilisierten Energien der kreativen Freiheit wie eine Hypothek lastet. Wenn diese Einschätzung richtig ist, dann kann man nicht mehr davon sprechen, dass Mimesis als Nachahmung einfach von Kreativität, Spontaneität und Genie abgelöst wurde; stattdessen erscheint es sinnvoll, die Frage nach dem Fortleben der Mimesis gerade auch in der zeitgenössischen Kunst zu stellen.

 

In der zwölften Ausgabe der Theoriekantine diskutieren Maria Muhle, Juliane Rebentisch, Ludger Schwarte und Dirk Setton die Relevanz und Aktualität anti-kreativer mimetischer Strategien in der Kunst. Können Praktiken der akribischen, pedantischen oder mechanischen Wiederholung des „Gegebenen“ die hartnäckige Kreativitätsemphase und den Neuheitsimperativ in der Kunst infrage stellen? Haben wir es in künstlerischen Strategien des Reenactment, des Dokumentarismus und der Fotografie mit einer neuen Relevanz des Mimetischen zu tun?

 

Die Textgrundlage für die Diskussion ist Hans Blumenbergs Aufsatz „›Die Nachahmung der Natur‹. Zur Vorgeschichte der Idee des schöpferischen Menschen“ (1957), in: Wirklichkeiten in denen wir leben, Reclam 1981, S. 55-103. PDF Link ( Aus urheberrechtlichen Gründen mussten wir diesen pdf link löschen / 17.09.2019)

 

Wir laden ganz herzlich ein, mit uns zu diskutieren!

Theoriekantine #11
Die Hölle der Partizipation

Freitag 24. Juli 2015 | 20:00

Auch die Theoriekantine lebt von der Partizipation: Partizipation meint hier die Teilnahme an einem Gespräch, an der Aufführung eines Gesprächs, an der Chance, einen Gedanken zu entwickeln – und impliziert das geteilte Vergnügen, diese Chance weitgehend ungenutzt verstreichen zu lassen. 

Partizipation ist dort, wo sie über das unvermeidliche Zusammenspiel zwischen Akteuren und ihrem Publikum hinausgeht, eine demokratische Forderung, eine kommerzielle Strategie oder ein künstlerisches Verfahren. Alle diese Optionen können zu Mitmachstress, zum Posieren mit dem Mikrofon, zum Verwischen von Verantwortlichkeiten und zur Fetischisierung des Zustimmungsklicks führen, aber nicht unbedingt auch zu reeller Beteiligung an Entscheidungen oder zu deren qualitativer Verbesserung. 

Gezwungen, ein Spiel mitzuspielen, dessen Grundlagen und Ziele sie verabscheuen, erleben viele die immer umfassenderen Möglichkeiten der Interaktion und Kommunikation als das Gegenteil von adäquater Teilnahme oder von Selbstbestimmung. 

Diese Hölle der Partizipation verwandelt das Publikum in Statisten, die ihre verwundbare Lebendigkeit zur Schau stellen, nicht in Akteure. In dieser Ausgabe der Theoriekantine wollen wir zunächst von dem Umstand ausgehen, dass in den letzten Jahrzehnten Techniken der Partizipation die Politik, die Ökonomie und die Künste stark verändert haben. Es fällt nicht schwer, diese zunehmende partizipatorische Bewirtschaftung aus den historischen Bedingungen des Neoliberalismus, der Kontrollgesellschaft, des Postfordismus abzuleiten und als Mitmachillusion einer postdemokratischen Regierungsweise zuzuordnen.

Ausgangspunkt unseres Gesprächs bildet ein Ausschnitt aus dem Kapitel “Partizipation und Lebendigkeit” des (2006 als Vortrag geschriebenen und 2008 veröffentlichten) Buches “Eigentblutdoping. Selbstverwertung, Künstlerromantik, Partizipation” von Diedrich Diederichsen:

Juliane Rebentisch, Ludger Schwarte, Dirk Setton und Diedrich Diederichsen erörtern, welche Formen der Partizipation Augenwischerei sind und welche die Chance bieten, neue politische Öffentlichkeiten hervorzubringen.

 

Wir laden ganz herzlich ein, mit uns zu diskutieren!

 

Material/pdf :  Diedrich Diederichsen | Eigenblutdoping 2008 | Auszug: Partiziation und Lebendigkeit

 

Wir laden ganz herzlich ein, mit uns zu diskutieren!

 

 

Feedback

Nie wieder arbeiten?

 

Kulturtheorie Die Berliner Theoriekantine diskutierte mit Diedrich Diederichsen über Partizipation als Mitmachphantasma der Postdemokratie und über das Ende der Arbeit

 

Freitag-Community-Mitglied Tom Wohlfarth

 

Theoriekantine #10
Ästhetische Wahrheit und Dokumentarkunst

Montag 30. März 2015

Die neue Ausgabe der Theoriekantine richtet den Blick auf das wahre Leben, die unvordenklichen Ereignisse und die echten Menschen; ohne Anführungszeichen. 

Die zunehmende Bedeutung dokumentarischer Strategien in den Künsten, weit über das Genre des Dokumentarfilms hinaus, unterstreicht den Anspruch, dass Kunstwerke nicht nur irgendetwas mit der gesellschaftlichen Wirklichkeit zu tun haben, sondern einen spezifischen Zugang zur Realität eröffnen oder eine Erfahrung des Realen vermitteln sollen. 

 

Leisten sie dies nur im Kontext der Kunstwelt, aufgrund einer kunstspezifischen Verwendungsweise, oder aufgrund einer ästhetischen Gestaltung, durch die sie sich von journalistischen Reportagen unterscheiden?

Die zehnte Theoriekantine widmet sich diesem Problem aus bildtheoretischer Perspektive. Wir gehen der Frage nach, unter welchen Umständen Bildern (unabhängig von ihrem Inhalt?) eine ästhetische Wahrheit aufgrund ihrer Gestaltung zugesprochen werden kann und was, wenn nicht Institutionen, Autorschaft und Verwendung, den dokumentarischen Charakter von Bildern begründet.

Den Ausgangspunkt des Gesprächs wird die Diskussion von Ludger Schwartes neuem Buch “Pikturale Evidenz. Zur Wahrheitsfähigkeit der Bilder” markieren.

 

Material:

Informationen zum Buch Fink Verlag

Leseprobe | Fink Verlag

 

pdf: Auszüge aus Pikturale Evidenz im Text “Ästhetische Wahrheit und Dokumentarkunst”  (Ludger Schwarte)

 

Francesca Raimondi, Juliane Rebentisch, Ludger Schwarte und Dirk Setton erörtern, welche Wahrheitsfähigkeit Bilder entfalten können.

Wir laden ganz herzlich ein, mit uns zu diskutieren!

Theoriekantine #9
Freiheit und das radikal Böse

Sonntag 16. Nov. 2014

A dark force is rising“: In Filmen, TV-Serien, Comics und Computerspielen ist das „Böse“ eine nahezu allgegenwärtige Erscheinung. Was wir in diesen Imaginationen eines Kampfes gegen böse Mächte genießen, hat allerdings eine politische und ethische Implikation, die sich auf die Gestalt bezieht, in der diese Fiktionen individuelle und kollektive Freiheit inszenieren: Letztere wird zuallererst als eine Befreiung von einem Bösen bewusst erfahrbar – und scheint sich auch in dieser Erfahrung zu erschöpfen. 

 

Glaubt man kritischen Diagnosen bezüglich eines „liberalen“ Mainstreams im heutigen Denken, dann ist es genau diese Abhängigkeit unseres Freiheitsbewusstseins von einer Vorstellung des Bösen, die auch unserer Verständnis von politischer und moralischer Praxis charakterisiert. Weil die Pluralität unserer Gesellschaften es angeblich unmöglich mache, ein kollektives Gut oder ein gemeinsames Projekt positiv zu bestimmen, bleibe allein eine negative Kennzeichnung der politischen und ethischen Ausübung von Freiheit übrig. 

Das grundlegende Anliegen in Politik und Ethik bestehe demzufolge nicht darin, ein „universal Gutes“ zu verwirklichen, sondern das „Böse“ zu vermeiden. Für liberale Bürgerinnen und Bürger, die sich nur noch darauf einigen können, dass sie gegen Grausamkeit und Leiden sind, ist die Freiheit darum in erster Linie eine Freiheit vom Bösen (und alles andere bereits ein zumindest potentiell böses Unternehmen). Die exzessive Beschäftigung mit dem Bösen in zeitgenössischen Fiktionen steht demnach in einem engen Zusammenhang mit der ethischen und politischen Fixierung auf eine universale Identifizierung des Bösen, die im Zentrum der „liberalen“ Auffassung der Freiheit steht.

 

Die neunte Ausgabe der Theoriekantine nimmt diese Diagnose zum Anlass, einen Schritt zurückzutreten und nochmal grundsätzlich nach dem Zusammenhang zwischen der Freiheit und dem Bösen zu fragen. Im Fokus soll dabei eine Tradition des Nachdenkens über den Begriff der Freiheit stehen, die in Hannah Arendts umstrittener Formulierung von einer „Banalität des Bösen“ ihren bekanntesten Ausdruck gefunden und in Immanuel Kants These von einem „radikal Bösen in der menschlichen Natur“ ihre philosophische Theorie bekommen hat. Juliane Rebentisch, Ludger Schwarte und Dirk Setton werden die Frage nach der Aktualität von Kants These und dem Verhältnis des „radikal Bösen“ zum Bösen des „liberalen Mainstreams“ diskutieren.

Als Textgrundlage fungiert das erste Kapitel aus Immanuel Kants Die Religion innerhalb der Grenzen der bloßen Vernunft von 1792 (mit dem Titel „Von der Einwohnung des bösen Prinzips neben dem guten: oder über das radikale Böse in der menschlichen Natur“). 

 

Der Text ist online frei zugänglich: bei Zeno.org unter http://bit.ly/1wINOm5, bei Archive.org unter http://bit.ly/1wIO1pq, bei Korpora.org unter http://bit.ly/1nTcsAK, und bei Google Books unter http://bit.ly/1nTf81l.

 

Wir laden ganz herzlich ein, mit uns zu diskutieren!

Theoriekantine #8
Theorien der Gegenwartkunst

Sonntag 25. Mai. 2014

Die Theorie der Kunst steht heute vor enormen Herausforderungen. Die Grenzen zwischen den Künsten sind ebenso porös geworden wie die zwischen Kunst und Nichtkunst. 

Was aber definiert die Kunst, wenn sie nicht mehr zwingend durch die alten Gattungen definiert wird? Wie lässt sich dann überhaupt noch sinnvoll zwischen Werken vergleichen, wie über ihre Qualität urteilen? Und was heißt das alles für die Geschichte der Kunst? Was folgt aus der Destabilisierung der Grenze zwischen Kunst und Wirklichkeit? Gibt es in dieser Situation noch so etwas wie eine spezifische Politik der Kunst, und wenn ja, wie wäre sie zu denken?

 

Anlässlich ihrer jüngst im Junius Verlag erschienenen Einführung in solche Grundlagenfragen diskutiert Juliane Rebentisch mit Maria Muhle, Ludger Schwarte und Dirk Setton über den Stand der Gegenwartskunst – und den ihrer Theorie.

http://www.junius-verlag.de/buecher/theorien-der-gegenwartskunst

Theoriekantine #7
Schuld und Zeit

Montag 03. März. 2014

Zwischen Versprechen, Zahlungsaufschub und Insolvenz hat sich ein neues Zeitregime entsponnen, das die Arbeit des Einzelnen an sich selbst mit der kollektiven Produktion verschaltet. 

 

Aus Sicht Maurizio Lazzaratos ist aus der Zeit, die im Mittelalter Gott gehörte, heute eine Form der Kreation, der Wahl und der Entscheidung geworden. Damit wird die Zeit unweigerlich zum primären Objekt kapitalistischer Enteignung und Aneignung. 

 

Die Schuldenökonomie enteignet die überwältigende Mehrheit der europäischen Bevölkerung ihrer Zeit und das in dreierlei Hinsicht: vom Zugang zur Macht, der in der repräsentativen Demokratie ohnehin schon sehr eingeschränkt war, vom gesellschaftlichen Reichtum, den die Klassenkämpfe der kapitalistischen Akkumulation einmal entrissen hatten und vor allem von der Zukunft, d.h. von einer Zeit als Entscheidung, als Wahl, als Möglichkeit. Die Bevölkerung muss sich mit all dem belasten, was die Unternehmen und der Wohlfahrtsstaat in Richtung Gesellschaft »externalisieren« – und das sind vor allem seine Schulden. Dem Regime geht es darum, einen drohenden Staatskonkurs zur vollständigen Durchsetzung des Programms zu nutzen, von dem es schon seit den 70er Jahren träumt: die Gehälter auf ein Minimum reduzieren, die Sozialausgaben kappen, alles zu privatisieren und den Wohlfahrtsstaat zugunsten derjenigen auszubeuten, die nun plötzlich »hilfsbedürftig sind«, nämlich die Unternehmen, Banken und die extrem Reichen. Es sind die Schulden, die die Subjektivität zugunsten dieses Zeitregimes abrichten, zähmen, fabrizieren, modularisieren und modellieren.

Lazzarato ergänzt diese Analyse der politische Ökonomie mit Überlegungen Friedrich Nietzsches zur Genealogie der Moral: “Einen Menschen zu fabrizieren, der ein Versprechen halten kann, bedeutet, ihm eine Erinnerung zu konstruieren, ihn mit einer Innerlichkeit zu versehen, einem Bewusstsein, das sich dem Vergessen entgegenstellt. Das reine Sprechen des Versprechens reicht nicht aus. 

Es bedarf einer »Mnemotechnik« der Grausamkeit und eine Mnemotechnik des Schmerzes, die – wie die Maschine der Strafkolonie Kafkas – das Versprechen der Schuldrückzahlung direkt auf den Körper schreibt”, schreibt Lazzarato. Er kritisiert aus dieser Warte den Neouniversalismus Badious und Rancières als unfähig, die Bedeutung der Ökonomie für die paradoxen Artikulationen von Subjektivität anzuerkennen und die Transformationen des Kapitalismus, die das Leben und die Subjektivität aller berühren, theoretisch zu erfassen.

 

Diese Überlegungen will die siebte Ausgabe der Theoriekantine zum Ausgangspunkt für eine Diskussion um das zeitdiagnostische Potential dieser Überlegungen nutzen und auch, allgemeiner, die Möglichkeit sondieren, politische Ökonomie, Theorie der Subjektivierung und Zeitphilosophie in kritischer Absicht miteinander zu verschränken.

Juliane Rebentisch, Ludger Schwarte und Dirk Setton erörtern, ob es heute an der Zeit ist, den Klassenkampf gegen die Schuldenökonomie wiederaufzunehmen.

 

 

[ Text ] von Maurizio Lazzarato für die Performance: Der verschuldete Mensch [ Übung 1-3 ] in der Reihe IM TOTEN WINKEL [at] Vierte Welt.

Siehe auch die Performance Reihe der Vierten Welt: IM TOTEN WINKEL

Maurizio Lazzarato | Die Fabrik des verschuldeten Menschen. Ein Essay über das neoliberale Leben. Dt. Ausgabe: b-books 2013 |  [ http://www.b-books.de/verlag/schuld/index.html ]

Theoriekantine #6
Schmerz oder Vernunft – was konstituiert plurale politische Subjekte?

01. Dez. 2013

In der neuen Ausgabe der Theoriekantine soll es um Ausgangspunkte und Grundlagen politischer Artikulation und Assoziierung gehen. Was muß ich anderen unterstellen, um mit ihnen gemeinsam handeln zu können? Mit wem kann ich überhaupt Gemeinschaften bilden? Wodurch qualifizieren sich Subjekte zu koordiniertem politischem Handeln? Welche unterschiedlichen Eigenschaften müssen Individuen aufweisen, um Gleichheit auch im Sinne des Anteils an Rechten zu beanspruchen? Welche Pluralität und welches Unvernehmen ist dem politischen Streit um Gleichheit implizit? Wer darf sich aus welchen Gründen überhaupt auf ein “Wir” berufen? Wodurch disqualifiziert sich jemand definitiv? Und was versetzt Gruppen in die Lage, nicht nur kollektive Intentionen programmatisch in die Welt zu setzen, sondern sie auch koordiniert und je einzeln zu realisieren? Wie können dabei singuläre, individuelle, kaum zu versprachlichende Belange zur Geltung kommen?

 

Im Hintergrund dieser Fragen stehen einerseits neuere Theorien des Tier- und Pflanzenrechts, die auf die Schmerzfähigkeit nichtmenschlicher Lebewesen rekurrieren, sowie Überlegungen zu dem, was mit Vernunft gemeint ist, wenn diese voraussetzungslos allen (Menschen) zugesprochen werden soll.

 

Maria Muhle, Juliane Rebentisch, Ludger Schwarte und Dirk Setton erörtern, warum die Schmerz- oder die Vernunftfähigkeit die entscheidenden Qualifikationen sein sollten.

[ Thesenpapier ] Ludger Schwarte 

Theoriekantine #5
Kreativität und Selbstveränderung

Montag, 22. Juli. 2013

Der Wille zur schöpferischen Transformation ist die neue Orthodoxie. Anstelle einer Normierung des Subjekts nach gesellschaftlich vorgegebenen Rollenbildern haben wir es heute mit einem unter dem Zeichen des Wettbewerbs stehenden Zwang zur kreativen Selbstverwirklichung und ‑veränderung zu tun. Man gehorcht heute nicht mehr, indem man sich einer Ordnung unterwirft und Regeln befolgt, sondern indem man eigenverantwortlich und kreativ wechselnde Aufgaben erfüllt. Der Künstler steht dabei Modell: Nicht nur seine Innovationskraft und sein Mut zum Regelbruch, sondern auch seine Strategien der Selbstausbeutung und seine Fähigkeit zur Vermarktung von Kommunikationsprozessen und Selbstbildern gehören heute zum Anforderungsprofil durchschnittlicher Projektangestellter.

 

Der soziologischen Kritik an der Kreativökonomie und ihren Entfremdungseffekten steht eine Neuorientierung des politischen Aktivismus gegenüber, der sich von aggressiver Militanz abwendet. Stattdessen führt er kreative Protestformen und Selbstveränderung als neo-anarchistische Strategie ins Feld, die ebenfalls in der avantgardistischen Kunst und insbesondere im Situationismus ihre Vorbilder haben. Juliane Rebentisch, Ludger Schwarte und Dirk Setton erörtern die Frage, welches kreative, gesellschaftskritische oder gar revolutionäre Potential der Selbstveränderung zugetraut werden kann.

Wir laden ganz herzlich ein, mit uns zu diskutieren! 

Theoriekantine #4
Unvermögen und Vernunft

Montag, 22. Juli. 2013

»Ein vernünftiges Vermögen ist wesentlich ein Unvermögen.«

Motive des Unvermögens und Figuren des Scheiterns beschäftigen die Theoriebildung in den Kultur- und Geisteswissenschaften wie nie zuvor. Doch was in den Überlegungen zum Unwissen, Dilettantismus und Zaudern, zur Blindheit, Undarstellbarkeit und Untätigkeit auf dem Spiel steht, ist keine philosophisch irrelevante und abgeleitete Problematik. Im Gegenteil. Es geht um nichts anderes als um eine fundamentale Neudeutung des Begriffs der Handlungsfähigkeit im Allgemeinen. 

Der vierte Teil der Theoriekantine ist Dirk Settons Versuch gewidmet, diese einigermaßen heterogene Motivlage auf den philosophischen Begriff zu bringen – den des Unvermögens. Im gleichnamigen Buch behauptet er, dass ein vernünftiges Vermögen wesentlich auch ein Unvermögen ist, und die Möglichkeiten des Scheiterns und der Unvernunft sind für ein vernünftiges Vermögen konstitutiv sind. Zusammen mit Dirk Setton diskutieren Maria Muhle, Juliane Rebentisch und Ludger Schwarte, ob und inwiefern unsere Vernunft ein Unvermögen sein kann. 

Dirk Setton | Unvermögen | diaphanes … [Leseprobe]

Theoriekantine #3
Über den Dilettantismus

Montag, 11. Feb. 2013

Ein Dilettant ist jemand, der eine Tätigkeit nicht berufsmäßig, sondern aus Liebhaberei ausübt; es handelt sich also um einen Amateur oder Laien, dessen Verhältnis zum Gegenstand freilich immer auch unter dem Verdacht des Oberflächlichen, Sachunkundigen, wenn nicht der Pfuscherei steht. Heute scheint der Dilettant zwar eine nach wie vor höchst ambivalente, dafür aber omnipräsente Figur geworden zu sein: Die Grenzen zwischen dem Professionellen und dem Laien verwischen sich zunehmend – und dies keineswegs allein auf dem Feld der Kunst. In welchem Sinne kann aber dann noch von Dilettantismus gesprochen werden? Sind wir heute alle Dilettanten?

 

In der dritten Ausgabe der Theoriekantine diskutieren Maria Muhle, Juliane Rebentisch, Ludger Schwarte und Dirk Setton die (All-)Gegenwart des Dilettantismus auf der Folie eines Klassikers zum Thema – einer Stichwortsammmlung „Über den Dilettantismus“, die Goethe und Schiller 1799 zusammentrugen.

 

Goethe | Über den sogenannten Dilettantismus  [Text lesen] 

Theoriekantine #2
Die Rückkehr der Plebs – Plebs Invicita

Montag, 10. Dez. 2012

C’est la canaille – Eh bien, j’en suis.     

Französisches Revolutionslied   


 

In der zweiten Ausgabe der Theoriekantine diskutieren Maria Muhle, Juliane Rebentisch, Ludger Schwarte und Dirk Setton die Rückkehr der Plebs ausgehend von dem soeben im August Verlag Berlin erschienenen Band Plebs Invicta des französischen Philosophen Alain Brossat.

Das Volk hat sich in der Moderne als ein politischer Begriff etabliert, der scheinbar umstandslos auch die Plebs, die namenlosen Ausgeschlossenen der Gesellschaft, mit umfasst. 

Doch genau diese scheinbare Inklusion hat den Gegensatz zwischen Volk und Plebs noch radikalisiert. Während das Volk als eine politische und historische Größe in Erscheinung tritt, entbehrt die Plebs buchstäblich jeder eigenen Substanz: „‚Die‘ Plebs existiert zweifellos nicht, aber es gibt ‚etwas‘ Plebejisches.“ (Michel Foucault) Ausgehend von dieser Feststellung Foucaults untersucht Brossat die Figur der Plebs als eine politische Figur, die sich den tradierten Beschreibungen des Volkes oder der revolutionären Massen entzieht und sich an den Rändern der Politik etabliert.

Theoriekantine #1
Vom Urteilen

Montag, 15. Okt. 2012

Die Theoriekantine #1 wird mit einer Präsentation des gerade im Merve Verlag erschienenen Buchs Vom Urteilen von Ludger Schwarte eröffnet. Maria Muhle und Dirk Setton diskutieren gemeinsam mit dem Autor dessen Vorüberlegungen zu einer radikaldemokratischen Rechtsphilosophie, die sich gegen die wuchernde Expertokratie und die damit einhergehende Ver-Rechtlichung aller Lebensäußerungen richtet.

“Wir müssen nicht nur das Fühlen, das Schmecken, sondern alle Dimensionen des Begehrens, des Denkens, des Urteilens für das freie Spiel der Einbildungskraft, für die wilde Vernunft der Künste öffnen.”  Vom Urteilen / S. 130 /  Das Schmecken 

 

Auszug Rezension nachtkritik 18.07.12 | Mit freundlicher Genehmigung des Verlags

Nie zu spät

 

Dies ist ein Essay des Philosophen Ludger Schwarte über folgende Grundfragen: “Wer bestimmt, wer recht hat? Was heißt es, eine Situation richtig zu beurteilen? Wer darf urteilen?”

 

Er stellt sie angesichts einer Situation, in der man sich als Bürger in einer “unübersichtlichen Gesetzeslandschaft” wiederfindet, ein (gesellschaftlicher) Zustand, in dem “kein normaler Bürger die Gesetze kennt, nach denen er sich zu richten hat”. Es ist ein gedankenreichhaltiges, anregendes, auch herausforderndes Buch … Und was, kann man dieses Buch lesend weiter fragen, hieße das für den Denk-Akt eines Urteils, wenn man es mit Kunst, Theater zum Beispiel, zu tun hat? Was meint in diesem Zusammenhang, die Beschränktheit zu überwinden? Was, die eigene Wirklichkeit zu verändern? Wer darf dabei überhaupt urteilen? Und wer bestimmt, wer recht hat?…

© nachtkritik.de 18.07.2012 | Dirk Pilz

[Bericht über die Theoriekantine #1 [at] Berlin-ist.de]