Gespräch

Sa. 14.05.22 | 15:00 – 19:00

Annett HardegenPeter Pogany-WnendtPatrice PoutrusTucké RoyaleAlexandra SenfftKatharina Warda

Ein Gespräch über transgenerationale Weitergabe, Migrationsbewegungen und Marginalisierungen in Ost und West

In einem ersten Teil wird es um die Möglichkeit eines Dialogs zwischen Täter*innen und Opfern bzw. deren Nachkommen gehen. Ausgangspunkt der Überlegungen ist die Erfahrung einer gemeinsamen Reise nach Auschwitz: Alexandra Senffts Reflexionen zu ihren Gefühlserbschaften aus der Täterschaft in ihrer Familiengeschichte und Peter Pogany-Wnendts Reflexionen zum Opfertum in seiner Familiengeschichte. Wo sind Gemeinsamkeiten, wo die Grenzen?

Anhand ganz konkreter Beispiele wie z.B. der Bedeutung von “uniformierter Polizei“ kann gezeigt werden, wie ein transgenerationales Erbe noch heute im Individuum und in gesellschaftlichen Prozessen unbewusst weiterwirkt. Dabei ist es jedoch immer wichtig, die psychologische und die politische Ebene zu unterscheiden. Denn oft werden die Grenzen zwischen den Nachkommen der Verfolgten und der Verfolger*innen instrumentalisierend verwischt oder es kommt gar zur Täter*innen-Opfer-Umkehr.

Im zweiten Teil wird der Erfahrungsbereich nochmals erweitert. In der transgenerationalen Weitergabe, in den Migrationsbewegungen und in den Weisen der Marginalisierungen und des Rassismus gibt es große Unterschiede zwischen BRD- und DDR-Erfahrungen. Tucké Royale, Katharina Warda und Annett Hardegen diskutieren vor dem Hintergrund ihrer Erfahrungen: Alle drei kommen aus der selben Region: Sachsen-Anhalt, haben aber aufgrund von Geschlecht, Hautfarbe und Alter unterschiedliche Erfahrungen. Ausgangspunkt dieses Gesprächs ist Herkunft mit der Frage nach Klassismus und mehrfacher Marginalisierung. Gibt es ein DDR-spezifisches Traumata, inwiefern ist die Wiedervereinigung für Ostdeutsche traumatisierend gewesen und was gilt es für einen echten Dialog zwischen Ost und West zu bedenken.

In einem dritten Teil bringen wir diese unterschiedlichen Erfahrungen und Generationen in einen  offenen Austausch mit allen Gästen, um weiteren Perspektiven Raum zu geben.

Teilnehmer*innen:

Annett Hardegen geb. 1970 in Blankenburg/Harz studierte Theaterwissenschaft, Philosophie und Kunstgeschichte an der FU-Berlin. Seit 2003 freischaffende Dramaturg*in und Produzent*in. Kontinuierliche Zusammenarbeit mit Dirk Cieslak, Boris Nikitin, Julia*n Meding, Lee Méir, Roni Katz, Heinrich Horwitz, Swoosh Lieu. Als Dramaturgin und Produzentin arbeitet sie für sophiensaele Berlin, HAU, Ballhaus Ost, FFT-Düsseldorf, Theaterhaus Jena, Theater Junge Generation in Dresden, Centraltheater Leipzig, Nationaltheater Weimar, Junges DT, Berlin Biennale, die Ruhr Triennale, Kaserne Basel und Gessnerallee Zürich. Sie ist Mitgründer*in und künstlerische Leiter*in von VIERTE WELT, einer freien Plattform für Performance, Politik und Diskurs in Berlin.

 

Peter Pogany-Wnendt wurde 1954 in Budapest geboren. Seine jüdischen Eltern hatten nur knapp die Verfolgung der Nazis überlebt, viele Angehörige wurden ermordet – ein Verlust, der die Familie tief prägte. 1956 flohen seine Eltern mit dem Zweijährigen während des ungarischen Volksaufstands nach Chile, 1970 dann nach Deutschland. Heute ist er Fachärzt*in für Psychotherapeutische Medizin und Psychiatrie in eigener Praxis in Köln. Er ist Vorsitzender des Arbeitskreises für intergenerationale Folgen des Holocaust, ehem. PAKH e.V. Hier sprechen Kinder von Verfolgten, aber auch Kinder von Täter*innen und Mitläufer*innen über ihre Familiengeschichte in unterschiedlichen Formaten wie einer Dialoggruppe und einer Literaturgruppe und suchen den Austausch. Mittlerweile sind auch Enkel und Urenkel dabei. 2019 hat er „Der Wert der Menschlichkeit – Psychologische Perspektiven für eine Humanisierung der Gesellschaft“ veröffentlicht und 2001 den Band „Das Ende der Sprachlosigkeit – Auswirkungen traumatischer Holocaust-Erfahrungen über mehrere Generationen“ mit herausgegeben.

 

Patrice G. Poutrus ist Zeithistoriker*in und Migrationsforscher*in. Er wurde in Ost-Berlin geboren und ist auch dort aufgewachsen. Ab 1990 studierte er Geschichts- und Sozialwissenschaften an der Humboldt-Universität zu Berlin und im Jahr 2000 promovierte er an der Europa-Universität Viadrina in Frankfurt/Oder. Er war Mitglied im DFG-Netzwerk “Grundlagen der Flüchtlingsforschung” und ist Mitglied im wissenschaftlichen Beirat des Zentrum für Integrationsstudien der TU Dresden. Seit 2019 arbeitet er als wissenschaftlicher Mitarbeiter*in an der Universität Erfurt und forscht dort in einem BMBF-Forschungsverbund “Diktaturerfahrung und Transformation” zur Familienerinnerung an die DDR in Thüringen.  Im gleichen Jahr erschien im  Ch. Links Verlag sein Buch „Umkämpftes Asyl. Vom Nachkriegsdeutschland bis in die Gegenwart“.

Tucké Royale (geb. 1984 in Quedlinburg) arbeitet als Schauspieler*in, Autor*in, Regisseur*in und Musiker*in. Studium der Judaistik an der FU Berlin und Puppenspielkunst an der der Hochschule für Schauspielkunst “Ernst Busch”. Seine Theaterstücke “TUCKÉ ROYALE”, “Ich beiße mir auf die Zunge und frühstücke den Belag, den meine Rabeneltern mir hinterließen” und “Mit Dolores habt ihr nicht gerechnet. Ein jüdisch-queeres Rachemusical” sind bei rua. Theaterkooperative für Text & Regie verlegt. Erste Sprecher*in des Zentralrats der Asozialen in Deutschland und Mitgründer*in von BOIBAND. Initiator*in der Gedenkfahrt Stonewall Uckermark. Drehbuchautor*in und Darsteller*in des Spielfilms “Neubau. Ein Heimatfilm”. Autor*in des Hörspiels “The Revolution Will Be Injected”. Mitunterzeichner*in der Kampagne #actout im SZ-Magazin Februar 2021. Royale lehrt an der Akademie für Darstellende Kunst Baden-Württemberg Regie und schreibt gerade an “Oktoberkind”.

 

Alexandra Senfft arbeitet als Autor*in und Publizist*in. Nach dem Studium der Islamwissenschaft war sie parteilose Nahostreferent*in der GRÜNEN-Fraktion im Deutschen Bundestag, anschließend UNRWA-Beobachter*in in der Westbank und bis 1991 UNRWA-Pressesprecher*in im Gazastreifen. Sie war regelmäßig in Israel als Gutachter*in und Journalist*in tätig und hat sich fünf Jahre als Vorstandsmitglied des Deutsch-Israelischen Arbeitskreises für Frieden im Nahen Osten (DiAk) engagiert. Sie war TV-Reporter*in und Redakteur*in und schreibt seit 1991 für namhafte Zeitungen und politische Zeitschriften. Für ihr Buch „Schweigen tut weh. Eine deutsche Familiengeschichte“ wurde sie 2008 mit dem Deutschen Biographiepreis ausgezeichnet. 2009 erschien ihr Buch „Fremder Feind, so nah. Begegnungen mit Palästinensern und Israelis” und 2016 „Der Lange Schatten der Täter. Nachkommen stellen sich ihrer NS-Familiengeschichte“. Alexandra Senfft ist die 2. Vorsitzende des Arbeitskreis für Intergenerationale Folgen des Holocaust e.V., ehemals PAKH und Mitglied vom Ost-West-Forum, von Pro Asyl sowie von Reporter ohne Grenzen.

 

Katharina Warda wurde 1985 in Wernigerode (Sachsen-Anhalt) geboren und wuchs auch dort auf. 2014 absolvierte sie einen Magisterabschluss in Soziologie, Germanistische Literaturwissenschaft und Interkulturelle Wirtschaftskommunikation in Jena. 2008/09 studierte sie African Studies in Falun (Schweden). Seit 2015 ist sie Fellow der Friedrich Schlegel Graduiertenschule für literaturwissenschaftliche Studien und promoviert in Berlin zur Widerständigkeit biografischer Erzählungen in Tagebuch-Blogs. Vor diesem Hintergrund verbrachte sie 2016/17 einen wissenschaftlichen Austausch an der Princeton University (USA). Daneben arbeitet sie als freie Autor*in mit Schwerpunktthemen Ostdeutschland, marginalisierte Identitäten, Rassismus, Klassimus und Punk. Seit 2021 ist sie Beiratsmitglied von Kein Schlussstrich!, einem bundesweiten Theaterprojekt zum NSU-Komplex. In ihrem Projekt „Dunkeldeutschland“ erkundet sie die Nachwendezeit von den sozialen Rändern aus und beleuchtet blinde Flecken in der deutschen Geschichtsschreibung, basierend auf ihren eigenen Erfahrungen als Schwarze ostdeutsche Frau in der DDR und nach 1989/90.

 

Trauma – rechte Zukunft / deutsche Geschichte(n) ist ein Projekt des Instituts für Widerstand im Postfordismus und der Vierten Welt, gefördert durch die Senatsverwaltung für Kultur und Europa und dem Bezirksamt Friedrichshain- Kreuzberg.

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