Vierte Welt | gesellschaften [ In Gründung* ]


Workshop | Jeden 1. Dienstag im Monat

the war machine has been televised*

Latenz und Aktualität der politischen Theorie von Deleuze & Guattari


Der Workshop in der Vierten Welt ist als Lesegruppe und Kollektivimprovisation angelegt, die offen für Einflüsse ihrer TeilnehmerInnen ist und sich idealerweise aus der Situation heraus entwickeln soll. Die offene Gruppe trifft sich einmal im Monat in einem neuen Raum der Vierten Welt um 18:00 für ca. vier Stunden. Sie ist für neue Teilnehmer offen. Der Workshop konzentriert sich auf das Zusammenspiel von Kapitel III (Wilde, Barbaren. Zivilisierte) aus dem "Anti-Ödipus" und den Plateaus 12 + 13 aus "Tausend Plateaus". Von dort aus macht er Ausflüge in andere Texte und Materialien, die in einer sich füllenden Dropbox bereit liegen werden.


Initiiert von Dirk Cieslak - Stefan Hölscher - Nicolas Siepen - Christoph Wirth


Herzlich Willkommen!


* the war machine has been televised findet seit Juni 2018 am ersten Dienstag jeden Monats in der Vierten Welt statt. Interessierte sind eingeladen jederzeit dazuzukommen. Als Teil der diskursiven Landschaft -gesellschaften- befindet sich the warmachine has been televised in einer Pilotphase. Die 'offizielle' Eröffnung in einem gemeinsamen Raum, dem Haus der gemeinen Leute, ist im September 2019.




the war machine has been televised

warum + wohin


Gilles Deleuze & Félix Guattari haben mit ihrem politisierten und kollektiven philosophischen Stil der Schizoanalyse entscheidende Impulse und Sounds der künstlerischen Avantgarden ihrer Zeit aufgenommen und in eine außergewöhnliche politische Theorie verwandelt. Die virtuellen Potenziale dieser Konzepte sind nicht ansatzweise ausgeschöpft (so die These). Das Projekt "Kapitalismus und Schizophrenie" ("Anti-Ödipus" und "Tausend Plateaus") hat auf historische Sackgassen linker Politik weitläufig reagiert und seitdem verschiedene Rezeptionswellen durchlaufen, die sich als Pop-Philosophie insbesondere in linken kulturellen Milieus und in den Künsten als Stichwortgeber sedimentiert haben. Diese Aneignungen hatten jedoch oft etwas Oberflächliches, und in gewisser Weise bewegten sich D&G immer asynchron zum Zeitgeist und gegen den Strich der sozialen Resonanz ihrer Arbeit (schlechtes Timing?). Erst im Lichte von 9/11 und der chaotischen Ereignisse, die sich seit den Einschlägen weltweit entfalten, begann das konzeptuelle Zusammenspiel von nomadischer Kriegsmaschine, Urstaat und kapitalistischer Axiomatik gefährlich zu funkeln, und eine pragmatische und konzeptuelle Weitsicht wurde offenbar. Der Aufstieg und Fall des Arabischen Frühlings, die Gründung und der Zusammenbruch des „sogenannten“ Islamischen Staats, die Wahl von Donald Trump und die Wiederkehr des Faschismus auf der Weltbühne sind Symptome dieses Chaos. Aus der Perspektive der Künste würde sich das Verhältnis zur Philosophie von D&G jedoch umdrehen: Sie ist jetzt nicht mehr wild wucherndes Reservoir von verführerischen Konzepten, sondern komplizierte Herausforderung an die von der kapitalistischen Axiomatik verschlungenen Produktionsbedingungen der Künste selbst. Der Workshop versucht sich dieser Perspektive zu nähern und sie zu entfalten.  [Nicolas Siepen]



english

the war machine has been televised

Latency and Actuality in the Political Theory of Deleuze & Guattari


Gilles Deleuze & Félix Guattari's politicized and collective style of making philosophy as schizo-analysis took impulses and sounds of the artistic avant-garde of the time and transformed those influences into an extraordinary political theory. The virtual potentials of these concepts are not yet exhausted and far from obsolete (that's the thesis). The project "Capitalism and Schizophrenia" ("Anti-Oedipus" and "A Thousand Plateaus") reacted on historical dead ends of left politics and since then went through several waves of reception, namely as Pop-Philosophy it functioned as a buzzword provider, especially for left cultural milieus and the arts. This kind of appropriation was surfing often only the surface and in a certain way D&G always moved asynchronously to the Zeitgeist and against the grain of the social resonance of their work (bad timing?). It was the impact of 9/11 and the chaotic events unfolding worldwide as a result, which brought to light how the interplay between concepts like the nomadic war machine, Urstaat and the capitalistic axiomatic started to sparkle perilously and thus making a pragmatic and conceptual vision manifest. Events like the rise and fade of the Arab Spring, the establishment and collapse of the “so-called” Islamic State, the election of Donald Trump as well as the rise of fascism on the world stage again, are symptoms of this chaos. From the perspective of the arts, the relation to D&G's philosophy would flip. From a rampant reservoir of seductive concepts to a tricky challenge of the very production conditions of the arts, intertwined with the capitalistic axiomatic on a whole new level. The workshop will try to approach and unfold this perspective.

[Nicolas Siepen]



Juli

Dienstag: 02.07.2019 | 18:00 - 22:00


Die Hitze zwingt in die Sommerpause und wir haben es fast durch das Plateau 12 geschafft.


Hier ein Auszug aus einem Text von Fredric Jameson, der nochmal ganz schön die Logik beschreibt in der D&G Schreiben funktioniert.

In dem Text wird auch die Kriegsmaschine diskutiert aber auch hier in einer sehr rudimenten Form.

Dennoch finde ich den Text sehr interessant und brauchbar. Hier das Ende des Textes als Vorgeschmack.


"Doch der hier untersuchte Dualismus (zwischen Nomadentum und Staat) taucht erst spät als Thema des Buches auf – nach fast fünfhundert Seiten zu anderen Themen (weniger dualistischen, die hier unmöglich zusammengefasst und erst recht nicht untersucht werden können). Ein Großteil dieses Materials handelt von den verschiedenen Formen der durch die kapitalistische Axiomatik hervorgerufene Reterritorialisierung und wird, nach einer langen, dozierenden Einführung in das zentrale linguistische System von Hjelmslev, auf dem das Buch aufbaut, anhand verschiedener Beschreibungen der Produktion von Intensitäten, der Fähigkeit von Phänomeneigenschaften, Transformationen zu kennen etc. entwickelt. Und in der Tat stellen Intensitäten und Transformationen eine Art „fremder Sprache“ innerhalb unserer eigenen Sprache dar, die auf rätselhafte Weise über die Oberfläche gleitet (wie eine Minderheit, wie eine Kriegsmaschine) und dann wieder verschwindet. [...] Man könnte jedoch auch anders schließen, und zwar mit der anderen postideologischen Form des Dualismus. Es wurde argumentiert, letzterer sei bei Deleuze allgegenwärtig, zumal in der materialistischen Zusammenarbeit mit Guattari, die von manchen, in einer wahrlich dualistischen Opposition, den stärker an Bergson orientierten und idealistischen Tendenzen der Arbeiten von Deleuze als einzelnem Philosoph gegenübergestellt wurde. In diesem Fall könnte ein gewisser Dualismus Vorwand und Anlass gerade für die „Überwindung“ des Deleuzianischen Denkens und seiner Transformation in etwas anderes sein, etwas gleichzeitig zutiefst damit Verbundenes und zutiefst davon Verschiedenes, ähnlich Hegels Transzendenz dessen, was er als den Dualismus bei Kant verstand. Und es gibt noch eine andere, bislang unerwähnte Art, solche Dualismen zu verstehen, nämlich in Form der Produktion einer großen Prophezeiung. Wenn das Ideologische wirklich aus seinem dualistischen und ethischen Alltagsrahmen enthoben und in den Kosmos generalisiert wird, durchwandert es eine dialektische Transformation und es erscheint die ungewohnte Stimme der großen Prophezeiung, in der Ethik und Ideologie gemeinsam mit dem Dualismus umgestaltet werden. Vielleicht ist es am besten, die Opposition zwischen den Nomaden und dem Staat auf diese Weise zu verstehen: als Reterritorialisierung durch das Archaische, und als den fernen Donner der Rückkehr des Mythos und des Rufes der utopischen Umgestaltung im Zeitalter von Axiomatik und globalem Kapitalismus."


Link zum ganzen Text in dt./engl. auf Anfrage.


Let's do it again! And again! Wir fahren fort auf Seite 549 von

1000 Plateaus, Merve 1996.

Fragen? Einfach E-Mail an:  gesellschaften@viertewelt.de.

Interessierte sind herzlich eingeladen jederzeit hinzu zu kommen.