Vierte Welt | gesellschaften [ In Gründung* ]


Veranstaltungsreihe | Jeden 3. Dienstag im Monat

public research

Ein ungewöhnliches Kolloquium. Neue Praxen der Repräsentation, der Verhandlung und des Gesprächs über Forschung.


Eine Veranstaltungsreihe von und mit: Shirin Assa | Julia Bee | Elise Bernstorff | Tatiana Bogacheva

Dirk Cieslak | Gerko Egert | Leon Gabriel | Maximilian Haas | Jens Heitjohann | Stefan Hölscher

Sapir Huberman | Sebastian Kirsch | Tanja Ostojić | Juli Reinartz | Gottfried Schnödl | Mathias Schönher

Julia Schade | Anne Schuh | Kai van Eikels | Elena Vogman | Anna Volkland | Ana Vujanović | Netta Weiser | ... Credits to be continued.


* Public Research findet seit Nov.2018 am dritten Dienstag jeden Monats in der Vierten Welt statt.

Als Teil der diskursiven Landschaft -gesellschaften- befindet sich public research in einer Pilotphase. Die 'offizielle' Eröffnung in einem gemeinsamen Raum, dem Haus der gemeinen Leute,  ist für April 2019 in Planung.


public research

warum/wohin


Das Verhältnis zwischen Forschung und Öffentlichkeit ist zutiefst gestört. Forschung, die auch im Bereich der Geistes-, Gesellschafts- und Kulturwissenschaften zunehmend einer Rationalität der Bildungs- und Wissenschaftsökonomie unterworfen ist, die danach strebt, sie messbar zu machen, um Effizienz und Nutzen in validen Zahlen auszudrücken und sie so unter den Druck setzt, ergebnisorientiert zu sein und sich in Form von Publikationsraten und Peer Reviews evaluieren lassen zu müssen, findet in der Regel entweder auf dem Universitätscampus, in Bibliotheken oder innerhalb der privaten vier Wände am Schreibtisch oder lesend im Bett statt. Als solche ist Forschung meistens eine eher einsame Tätigkeit, die zusätzlich mit einem großen Konkurrenzdruck verbunden ist. Wer erschließt als erste oder erster ein neues Feld? Wer entwickelt den innovativsten Ansatz? Wer erweist sich als Expertin oder Experte für ein bestimmtes Thema? Der Begriff „Alleinstellungsmerkmal“ ist für Drittmittelanträge mindestens so wichtig wie in der freien Wirtschaft. Forschungsarbeit verbleibt weitgehend im Verwertungsapparat der Universität und zirkuliert bestenfalls in den ihr angeschlossenen akademischen Teil-Öffentlichkeiten, denen ihre Resultate in Form von Buch- und Zeitschriftenveröffentlichungen, auf Konferenzen oder in anderen Kontexten präsentiert werden. In der Forschung adressieren Akademikerinnen und Akademiker primär ein akademisches Publikum. Mit Forschung in diesem Sinne ist deshalb eine bestimmte Repräsentationspolitik verbunden, die in vielerlei Hinsicht überwunden werden muss.


In dieser Situation wollen wir daran gehen, neue Praxen der Repräsentation, der Verhandlung und des Gesprächs über Forschung zu finden. Getragen von dem Bedürfnis, aus dem Hochschulkontext auszubrechen und die Grenze zwischen universitären und anderen Milieus zu verwischen, ist es Ziel der Veranstaltungsreihe Public Research, Forschung neu im gesellschaftlichen Raum zu verteilen, um offene Anschlüsse an die Sphären des politischen Engagements, der Kunst wie auch Querverbindungen mit anderen Feldern zu ermöglichen. Forschung verstehen wir als Prozess, in dem eher unfertiges Arbeitsmaterial, das noch nicht durch festgelegte Sprechpositionen gerahmt ist, öffentlich zur Disposition zu stellen. Anstatt smoother Selbstdarstellungen oder Panel-Set-Ups geht es hier um die Bildung von Allianzen, transversale Verbindungen zwischen scheinbar unvereinbaren Ansätzen und die Annahme, dass gemeinsames Denken mehr bewirken kann als Denken alleine.


Das Format Public Research versteht sich als ungewöhnliches Kolloquium, in dessen Rahmen sich jeweils zwei Forschende für die Gestaltung einer Sitzung verantwortlich zeichnen und dabei weniger über ihre jeweils eigene Arbeit als vielmehr miteinander sprechen. Jedes Treffen wird mit einem maximal dreißigminütigen Dialog über eine Reihe von Problemen eingeleitet, die unter verschiedenen Perspektiven beleuchtet werden sollen, bevor sie von allen gemeinsam weitergedacht werden. Gemeinsames Denken wird hierbei als eine Tätigkeit verstanden, die zwar in Übersetzungsleistungen besteht, gleichzeitig jedoch die jeweilige Singularität verschiedener Modi des Denkens anerkennt.




archiv


April

#6 Di. 16.04.19 | 19:00 22:00

Unbound Geographies 

Bnaya Halperin-Kaddari and Netta Weiser


For the next session of Public Research we would like to present two artistic research projects dealing with the marginalized spatial history of Israel/Palestine. The two projects revolve around the suppressed geographies and historical narratives embodied in the remaints of Palestinian villages which were depopulated during the war of 1948 and are scattered through the entire Israeli territories.


Bnaya will talk about his project "Blitzdorf" in which he questions whether a place could hold memory of the sounds it used to vibrate with, by artistically processing field-recordings from border zones and remaining architectures of deserted villages.  


Netta will present her research upon forests which were planted on the ruins of Palestinian villages, focusing on the conflict between nature and "the natural" created by the political appropriation of the forest and the politics of imagination folded in these sites.


Sharing histories and perspectives while coming from different disciplines, we wish to ask how art can constitute new realities and futures, breaking away from the convoluted past and present of the Middle-East - which is around the corner, right?   



März

#5 Di. 19.03.19 | 19:00 22:00

Tatiana Bogacheva und Tanja Ostojić

United Europe and its Miscellaneous


The work of the visual artist Tanja Ostojić, who prioritises long-term engaged projects, is an example of decolonial feminist aesthetics that challenges the taxonomic Eurocentric narrative of modernity from the peripheral position of Southeast Europe. Her works, such as Lexicon of Tanjas Ostojić (2011-17), Misplaced Women? (2009-19), Crossing Borders Series (2000-05), reveal the darker side of the taxonomic narrative of modernity that pins down people by associating them with and reducing them to a geo-political location.


The territories of ‘Eastern Europe’ have been described as barbaric, backward and underdeveloped in literary works since 18th century, but the tectonic shift, that followed decades of ideological antagonism of Cold War, necessitated the re-invention of the european East which required the revitalisation of negative stereotypes and the creation of a subaltern communist without communism to represent the region. In her research, Tanya Bogacheva argues that orientalisation of post-1989 Europe relied on colonialism genealogically, methodologically and materially.

In this conversation we will try to understand how art can resist the coloniality of knowledge without rejecting it and what is the place of post(-)communist studies in postcolonial academic discourse.

Misplaced Women?: https://misplacedwomen.wordpress.com

Lexicon of Tanjas Ostojić: https://tanjaostojicshop.wordpress.com/2017/12/04/lexicon-of-tanjas-ostojic/

Crossing Borders Series: https://tanjaostojicshop.wordpress.com/2015/06/24/integration-impossible-the-politics-of-migration-in-the-artwork-of-tanja-ostojic/



#4 Dienstag, 15.01.2019 | 19:00 - 22:00

Juli Reinhartz und Gerko Egert

Ballsaal ohne König  | Bewegung und ihre Produktionsbedingungen

Bewegung ist überall. Dabei – so wissen Choreograph*innen wie Pilot*innen, Tänzer*innen wie Hafenarbeiter*innen – ist Bewegung nicht einfach da, sie muss gemacht werden. Körperlich, maschinell, freiwillig, gezwungen – die Produktionsbedingung für Bewegung sind vielfältig. In einem Dialog über Bewegung, über die Techniken, Mittel und Bedingungen ihrer Produktion wollen wir uns den Fragen nähern, welche Faktoren (besonders im Tanz) dazu beitragen oder beigetragen haben, die Arbeit, die es bedarf um Bewegung herzustellen, zu verschleiern. Ist es das Fortleben eines Ideals der Leichtigkeit, wie es sich von den höfischen Tänzen bis zum Entspannungsideal von Yoga und Release Technik wiederfinden lässt? Ist es der König, der sich heute vielleicht nicht mehr im Publikum dafür aber vor dem inneren Auge befindet und das reibungslose Funktionieren seines Hofstaats einfordert? Ist es der alte kapitalistische Traum die Produktionsbedingung unsichtbar zu machen, um die schöne Warenwelt nicht zu zerstören? Geht es um die Verfügbarmachung der Körper in und durch Tanzsprachen, deren normierende und separierende Gewalt nicht aufscheinen soll? Oder ist es das Streben nach dem idealen flow, der eine Reibungslosigkeit der Arbeit, des Handels, des Reisen und des Tanzes verspricht? Inwiefern wiederholen sich im Tanz Prozesse, die auch im täglichen Leben vonstatten gehen und was bedeutet das dann für die Möglichkeiten von Tanz mit diesem Wissen umzugehen? Indem wir künstlerische und wissenschaftliche Forschungen zusammenbringen, wollen wir diese Fragen gemeinsam diskutieren und so die vielfältigen Herstellungsformen von Bewegung und ihre Konsequenzen für unsere Körper erkunden.



#3 Di. 15.01.2019 | 19:00 - 22:00

Tavia Nyong'o | Kyla Wazana Tompkins

Eleven Theses on Civility

Zum Jahresauftakt von public research debattieren wir die Thesen der beiden US-amerikanischen Autoren*innen Tavia Nyong'o und Kyla Wazana Tompkins. Die beiden Wissenschaftler*innen rufen dazu auf, der liberalen Norm des Zivilen, wie sie in den Institutionen der Politik und der Universität gesetzt sind, den Kampf anzusagen. Die Norm des Zivilen ist für sie die affektive Gestalt einer alltäglichen administrativen Gewalt, die als ästhetisches Dogma benutzt wird. Angesichts von Rassismus, Kolonialismus und unterdrückter Minderheiten, bestehen sie auf ihre Wut und Empörung in Abgrenzung zur weissen enthemmten Wut der US-amerikanischen Siedlerordnung mit ihrer aufgestachelten Gewalt, der sie täglich ausgesetzt sind. In ihren Thesen versuchen sie eine Strategie der counter civility zu umreißen, die einerseits den institutionalisierten akademischen Diskurs adressiert und andererseits in der Lage ist, sich mit den von Empörung getriebenen aktivistischen Bewegungen zu verbinden um eine Politik des Zusammenschluss zu entwickeln in der ein kollektiver Unwillen sichtbar wird.


Die Diskussion der elf Thesen über Zivilität verstehen wir auch als eine Reflektion der ersten Veranstaltungen in der Versuchsanordnung von public research.


11 Theses on Civility online auf socialtext: https://socialtextjournal.org/eleven-theses-on-civility/



#2 Di. 18.12.2018 | 19-22 Uhr

Gottfried Schnödl und Maximilian Haas

Ästhetische Biologie bei Uexküll

Die Umweltforschung des deutsch-baltischen Biologen Jakob v. Uexküll ist eine der kuriosesten Positionen der Biologie des beginnenden 20. Jahrhunderts. Sie übte eine starke Wirkung auf die philosophische Anthropologie, die poststrukturalistische Philosophie oder das Denken der Kybernetik aus. In ihr bekunden sich sowohl die Risiken eines holistischen Weltbilds als auch die Möglichkeiten eines relationalen und prozessualen Denkens von Selbst und Welt. Die Ästhetik spielt dabei eine entscheidende Doppelrolle: Zum einen erweist sich die Sinnlichkeit als zentral für ihre Erkenntnis- und Darstellungsweisen, wie nicht zuletzt die Illustrationen und poetischen Sprachbilder in den Texten belegen. Zum anderen führen die künstlerischen bzw. musikalischen Metaphern, die Uexkülls Texte durchziehen, direkt in den epistemologischen und politischen Kern seiner theoretischen Biologie.



#1 | Di. 20.11.2018 | 19:00 - 22:00

Gal Kirn und Stefan Hölscher

Excess of the Archive: Partisan Ruptures and Sensuousness

In the session we will open with our dialogue we will talk about two hetereogenous research projects which are nevertheless connected on various levels. On the one hand Gal will present his recent investigation of partisan culture in Yugoslavia during the second world war and ask the question in how far the documents stemming from these historical moments have been archived and instrumentalized by different state logics. On the other hand Stefan will talk about his occupation with the work of Ludwig Feuerbach and the ambivalent relations it bears to a (simplified, right-wing) Hegelian understanding of history as a sublation of sensuousness by spirit. In front of this context our common interest can be situated in the problem of ruptures and incomprehensive constellations between bodies which create something like an archive trouble.