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Montag, 25.2.2019 | 18:00 -22:00 Uhr | Apolkalypse


Bini Adamczak

Zur Zukunft der Welt: Die Versprechen der Gegenwart


Die Versprechen der Gegenwart

Die Rückkehr des europäischen Faschismus weit über Europa hinaus lässt sich nicht ohne die Krise der kapitalistischen Weltwirtschaft erklären. Die ökonomische Krise war zugleich eine Legitimationskrise des Neoliberalismus. Dessen Versprechen lautete: „Du allein kannst es

schaffen.“ Es war ein Versprechen von Freiheit, Reichtum und Selbstverwirklichung: „Alles kann gelingen“, hieß es, „wenn du dich nur ganz auf Karriere und Familie konzentrierst.“ Dieses individuelle Erfolgsversprechen verlor mit der Weltwirtschaftskrise vor zehn Jahren an

Anziehungskraft. Mit der Krise kamen die Bilder von Menschen, die aus ihren Häusern ausziehen und in Zelten leben mussten wie in den Vereinigten Staaten, die Nachrichten von Menschen, die ihre Strom- und Arztrechnungen nicht mehr bezahlen konnten wie in Griechenland. Nun waren sie auf einmal verschuldet, und statt in der Mitte der Gesellschaft befanden sie sich an deren Rand. Das hatte es immer gegeben. Aber jetzt geschah es nicht vereinzelt, sondern massenhaft, nicht zeitlich versetzt, sondern gleichzeitig. Es konnte sich nicht um Einzelfälle handeln, das hier war kein individuelles Scheitern.


Auseinanderfallen von Gesellschaft und Individuum

Die Krise rief eine Erkenntnis in Erinnerung, die verdrängt worden war: den Zusammenhang des Getrennten. In den letzten 30 Jahren waren einige Individuen zu ungeheurem Reichtum gekommen, für die Mehrzahl der Bevölkerung aber hatte der Wohlstand nicht zugenommen. Da das Wirtschaftswachstum in den ehemaligen Industrienationen trotz aller wirtschaftsfreundlichen Reformen verhältnismäßig gering ausfiel, konnte der Reichtum der Minderheit nur auf Kosten der Mehrheit entstanden sein. In den Vereinigten Staaten etwa war der Anteil des oberen einen

Prozents am gesamtgesellschaftlichen Reichtum im gleichen Maße gestiegen, wie der Anteil der unteren 50 Prozent gefallen war. Das fiel jedoch nicht weiter auf, solange sich niemand als Teil der ärmeren Mehrheit sah – oder sehen wollte. Besonderes Kennzeichen der neoliberalen Epoche war Umfragen zufolge das Auseinanderfallen von Gesellschaft und Individuum: Eine Mehrheit der Befragten war der Meinung, dass sich der Zustand der Gesellschaft verschlechtern würde.

Zugleich jedoch zeigten sie sich überzeugt, dass es ihnen selbst besser werde. Mit der Wirtschaftskrise aber erkannten immer mehr Menschen, dass hier etwas nicht stimmen konnte: Wenn es allen schlechter ging, wie sollte es dann jeder Einzelnen besser gehen? Was mit der Krise 2008 so zunächst zurückkehrte, war die Gesellschaft. Jene Gesellschaft, von der Margaret Thatcher behauptet hatte, sie existiere nicht. Es gäbe, hatte sie in den späten 1980ern erzählt, „individuelle

Männer und Frauen sowie Familien“, aber eben kein Ding namens Gesellschaft. Vergeschlechtlichte Individuen, die miteinander konkurrieren, und Familien, in die sich diese Individuen wie in Wagenburgen zurückziehen konnten – in der neoliberalen Vorstellung sah so die Welt aus, für die die Politik lediglich Rahmenbedingungen zu schaffen hatte. Millionen Individuen gingen ihre eigenen Wege und erzählten sich auf Empfängen, dass sie nichts miteinander zu tun hatten. Diese Phantasie ließ sich aufrechterhalten, solange der Laden lief. Aber als die Spekulationsblasen platzten, platzte auch die Phantasie individueller Autonomie. Der Staat, der sich aus allem außer der Rüstung hatte

raushalten sollen, musste nun die gescheiterten Banken retten und so mittelbar deren Vorstände mit hohen Vergütungen versorgen. Nun, als es darum ging, Haftung zu übernehmen, wurde sie plötzlich wieder ausgegraben, die Gesellschaft. Viele, die einer sozialdemokratischen Tradition nahestehen, sahen hier bereits eine mögliche Alternative aus der jüngeren Vergangenheit aufblitzen. Die Gesellschaft, die zurückkehre, hieß es, sei jene Gesellschaft, die der neoliberalen unmittelbar vorangegangen war: die Gesellschaft des Fordismus. Deren Versprechen hatte einen sehr anderen Klang gehabt. An männliche Weiße adressiert, lautete es: „Halte still, sei fleißig und gehorsam, dann wird es dir einmal besser gehen als deinem Vater.“ Es war ein Versprechen, das mit Blick auf das Sozialsystem der Sowjetunion gegeben wurde und auf der Ausbeutung des globalen Südens, dem

weitgehenden Ausschluss von weiblichen sowie der erhöhten Vernutzung von migrantischen Arbeitskräften basierte. Die hohen Wachstumsraten der Nachkriegsökonomie erlaubten es, das fordistische Versprechen über mehrere Jahrzehnte lang zu halten, ohne das Verhältnis der Klassen

zueinander anzutasten. Ungleichheit ja, aber auf höherem Niveau, das war die sozialdemokratische

Kompromissformel. Ende der 1960er Jahre zersplitterte dieser Kompromiss, gleichzeitig, von mehreren Seiten. Die Weltwirtschaft erlebte 1967 ihre erste Krise seit langem, kurz darauf brachen Kämpfe in die Gesellschaften des Nordens ein, die bereits lange im Süden gewütet hatten.

Die antikolonialen Befreiungskriege, die die Weltordnung herausgefordert hatten, erreichten die Metropolen des Westens und Ostens, gleichzeitig Paris und Prag, Berkeley, Berlin und Belgrad. Im globalen Norden zeigte die breite Bewegung den Unwillen großer Teile der Bevölkerung, den

Tausch Freiheit gegen Sicherheit noch länger zu akzeptieren. Das sozialdemokratische Versprechen des Fordismus – Zugehörigkeit durch Unterordnung – verlor an Anziehungskraft.


Blair, Schröder und mit einiger Verspätung auch Jospin

Trotz mehrfacher Versuche ließ sich dieses Versprechen auch in der aktuellen Krise nicht mehr rehabilitieren. Das liegt nicht zuletzt daran, dass es sozialdemokratische Parteien waren, die ab den 1990er Jahren die sozialen Sicherungssysteme zerschlugen – Blair, Schröder und mit einiger

Verspätung auch Jospin. Die Protagonistinnen von New Labour entstammten oft den Kämpfen von 1968. Nun, in der Regierung, galt ihre Sorge weniger der Entfremdung als dem nationalen Standort. Die Flexibilisierung des Arbeits- und Finanzmarkts, Steuersenkungen und Sozialstaatsabbau führten zur Erholung der Profitraten. Die damit versprochenen Investitionsschübe und ansteigenden Wachstumsraten, die eine Rückkehr in die ersehnte Vergangenheit hätten ermöglichen können,

blieben aber aus. Zu Anfang des 20. Jahrhunderts hatte die Sozialdemokratie den Anspruch verabschiedet, den Kapitalismus zu überwinden, zu Ende des 20. Jahrhunderts verabschiedete sie den Anspruch, ihn sozial zu mäßigen. Den Klassenkampf verabschiedete sie aus freien Stücken. Für ihren eigenen Klassenkompromiss jedoch wird sie nicht mehr gebraucht – ohne stabile Wachstumsraten fehlt ihm die ökonomische Grundlage. Deshalb erhielt sie trotz der Krise des

Neoliberalismus keinen Zulauf. Dort, wo das individuelle Versprechen des Neoliberalismus sich für eine Mehrheit als Lüge entlarvt und dem kollektiven Versprechen des fordistischen Wachstums die Grundlage fehlt, präsentiert sich die nationalistische Rechte als Reaktion auf die Krise und die damit

verstärkten Abstiegsängste. Einem auserwählten Teil der Bevölkerung unterbreitet sie ein verlockendes Angebot: „Schließ dich uns an, dann sichern wir deinen Lebensstandard auf Kosten von Schwächeren.“ Die Nachrichtet richtet sich nach außen wie nach innen. Denn wenn die Rechte

ihre sexistischen, antisemitischen und rassistischen Angriffe führt, kommuniziert sie ihren Anhängern neben Hohn, Hass und Verachtung noch ein anders Bild: das Bild einer sicheren Festung von Familie, Nation und „Rasse“.

Diese Entdeckung hatte der Queertheoretiker John D’Emilio schon in den 1980er Jahren gemacht. Er stellte fest, dass Antifeminismus oder Hass auf sexuelle Minderheiten nicht einfach Ausdruck mangelnder Bildung oder kultureller Rückständigkeit sind, sondern sich aus einem fundamentalen

Widerspruch innerhalb unserer Beziehungen speisen. Tatsächlich wird auch in den aktuellen Gefechten gegen sexuelle und geschlechtliche Sebstbestimmung das Bild einer heilen Familie verteidigt, die vor Bedrohung geschützt werden soll. D’Emilio argumentierte, dass sich die

Familie in der modernen bürgerlichen Gesellschaft in einer strukturell prekären Situation befinde. In vorbürgerlicher Zeit konnte sie für ihre Mitglieder sorgen, aber der Kapitalismus beraubte sie zentraler

ökonomischer Funktionen. Heute werden Lebensmittel zwar noch daheim zubereitet, aber nicht mehr dort hergestellt, Kleidung vielleicht zu Hause gebügelt, aber nicht mehr dort genäht. Die Familie ist ein Ort der Konsumtion und Reproduktion, aber nicht mehr der Produktion. Historisch hat sie so einen gewaltigen Bedeutungsverlust erlebt. Gleichzeitig aber ist Familienarbeit weiterhin gesellschaftlich notwendig, und zwar durch den Rückbau des Sozialstaats in zunehmendem Maße:

Hier sollen Kinder großgezogen, Kranke und Alte gepflegt und die Bedürfnisse nach Rückzug und Geborgenheit gestillt werden. Der Lohn für diese Arbeiten besteht allerdings nicht in Geld, sondern, wie die Feministin Silvia Federici bereits in den 1970er Jahren feststellte, in Liebe. Einerseits ist die Familie also unverzichtbar und wird deswegen unentwegt – im Radio, in Serien und Kinofilmen – als Sehnsuchtsort angepriesen. Andererseits hat sie bereits lange nicht mehr die Macht, die in sie gesetzten Hoffnungen zu erfüllen. Unter den hohen Ansprüchen bricht sie regelmäßig zusammen. Im christlichen Abendland zeigt sich das jedes Jahr in der Weihnachtszeit auch daran, dass die Ehe weiterhin als Norm gilt, obwohl die Scheidungsrate in Großstädten mittlerweile bei 70

Prozent liegt. Der Widerspruch, in dem sich die bürgerliche Familie befindet, führt immer wieder dazu, dass die Sehnsucht nach Sicherheit und Geborgenheit frustriert wird. Und es ist genau dieser Widerspruch, für den die Rechte Sündenböcke anbietet: Abtreibungsbefürworterinnen, Feministinnen, Queers.


Männlichkeit, Deutschsein oder Weißsein

In Analogie hierzu lassen sich auch andere rechte Kernideologien verstehen. Christian Ernst Weißgerber, der aus der Nazi-Szene ausgestiegen ist, antwortete auf die Frage, worin die Attraktivität nationalsozialistischer Ideologien bestehe, sie würden „einen Sicherheitsanker geben gegen die Unsicherheiten der Zukunft“, da sie Geschlecht, Nation oder „Rasse“ naturalisieren. Männlichkeit, Deutschsein oder Weißsein erscheinen so als unkündbar – ganz anders als ein Mietvertrag oder Arbeitsplatz. Hier zeigt sich derselbe Widerspruch: Wenn die Zugehörigkeit doch eigentlich sicher ist, wie erklärt sich dann die anhaltende Angst, die sich im krisengeschüttelten Kapitalismus nicht

beruhigen lässt? Sie muss von außen kommen, von den Migrantinnen, den Flüchtenden, von fremden Religionen. Oder auch von innen, von jenen, die die Nation zersetzen, Jüdinnen vor allem sowie grünversiffte Linke. Aber der Faschismus schafft keine Sicherheit. Für die, die er das Fürchten

lehren will, sowieso nicht, aber nicht einmal für diejenigen, denen er Sicherheit zu bieten scheint. Seine innere Logik treibt notwendig in Richtung Krieg. Die Gefahr des Faschismus ist heute unabweisbar, und zwar global. Unklar ist, welches Versprechen sich ihr entgegenstellen lässt, wenn das neoliberale und das sozialdemokratische Versprechen in einer tiefen Krise

stecken. In seinem Buch „Homo Deus“ hat der israelische Historiker Yuval Noah Harari die philosophische Frage, ob die Geschichte der Menschheit ein Ziel habe, mit einem einfachen Ja beantwortet. Die Menschheit steuere auf immer weitere Vereinigung zu. Bereits die Großreiche der Maya oder der Römer verbanden mehr Menschen miteinander als ein einziger Mensch in seinem Leben kennenlernen konnte. Aber untereinander hatten die Zivilisationen keinerlei Verbindungen, sie wussten nicht mal von ihrer Existenz. Heute greifen die Vereinigten Staaten, Nordkorea und Iran auf die gleichen physikalischen Theorien zurück und brauchen Nanosekunden, um ihre Währungen ineinander umzutauschen. In dieser Situation zeigt sich, dass aus der Vergangenheit überlieferte Konzepte nicht länger zu greifen vermögen. Zunächst das Konzept der Nation. Die Weltwirtschaft ist

in einem neuen Maße miteinander verflochten, und dies gilt auch für den Einfluss der Ökonomie auf die globalen ökologischen Systeme. Der Klimawandel betrifft die gesamte Erde und lässt sich nur durchkoordinierte Anstrengungen beeinflussen. Ähnliches stimmt auch für die Migration. Die Fragen, ob und wie Menschen aus anderen Kontinenten nach Europa reisen dürfen, sind bereits falsch gestellt, wenn unterstellt wird, dass sie von den Menschen oder Regierungen Europas beantwortet

werden könnten. Dies widerspräche den Prinzipien der Demokratie. Schließlich bedeutet Demokratie, dass Entscheidungen von denen getroffen werden, die sie betreffen. Die Frage der Migration betrifft die Menschen am Ankunftsort wie jene am Abreiseort und vor allem jene, die sich dazwischen bewegen. Die Prinzipien der Demokratie erlauben hier keine Hierarchisierung, schon gar keine Exklusion. Die Französischen Revolutionärinnen zwangen den König schließlich nicht, eine Deklaration der Franzosenrechte zu unterzeichnen, die Amerikanische Verfassung beginnt nicht mit „All Americans are born equal“, und auch Artikel 1 des Deutschen Grundgesetzes lautet nicht „Die Würde der Deutschen ist unantastbar“. Die Nation steht immer im Widerspruch zur Demokratie. Das galt bereits zur Zeit ihrer Geburt, im 18. oder 19. Jahrhundert, heute jedoch erodieren auch die materiellen Bedingungen der Nation. Die Fragen der Ökologie wie der Migration sind globale Fragen, sie lassen sich nur global beantworten.


Das System der Konkurrenz

Ein weiteres Konzept der Vergangenheit, das heute nicht mehr funktionieren kann, ist das der kapitalistischen Ökonomie. Es war gerade der kapitalistische Weltmarkt, der den von Harari beschriebenen Prozess der Vereinigung der Menschheit in ungekanntem Maße beschleunigt hat.

Aber der Kapitalismus verbindet die Menschen, indem er sie trennt. Der Markt stellt nur nachträglich über die Vermittlung von Ware und Geld eine Verbindung zwischen Nachfrage und Angebot her. Anbieter produzieren so auf der einen Seite ohne verbindliche Absprachen mit den Konsumentinnen und auf der anderen Seite in Konkurrenz zu anderen Anbietern. Dieses System der Konkurrenz zwingt die Privatproduzentinnen dazu, die Produktion immer weiter auszudehnen. Der Kapitalismus beinhaltet so erstens einen ständigen Zwang zum

Wachstum. Genau dieser Wachstumszwang gerät aber heute an seine ökologische Grenze. Es ist kein Zufall, dass die Jahre mit der besten Klimabilanz ausgerechnet die Jahre waren, die direkt auf die Weltwirtschaftskrise folgten. Der Kapitalismus beinhaltet zweitens eine Krisenhaftigkeit im grundsätzlichen Sinne. Das System der Privatproduktion für den Markt führt dazu, dass sich immer erst im Nachhinein sagen lässt, ob es für ein Produkt und also eine geleistete Arbeit auch eine Nachfrage gibt. Die zentralen ökonomischen Beziehungen, die die Menschen im globalen Kapitalismus miteinander verbinden, sind so notwendig prekär. Nicht nur der Arbeitsplatz oder die Wohnung, die Zugehörigkeit zur Gesellschaft selbst steht immer unter Vorbehalt. Das ist der Grund, warum die kapitalistischen Beziehungen in fundamentaler Weise mit Angst aufgeladen sind. Eine Angst, die der Neoliberalismus wieder verstärkt freigelegt hat und auf die die Rechte mit dem Versprechen unkündbarer, aber exklusiver Zugehörigkeit reagiert: zur „Rasse“, zur Nation, zur

Familie. Hier lässt sich an eine Erkenntnis von John D’Emilio anknüpfen: Wenn Antifeminismus und Queerfeindlichkeit immer wieder aus dem Widerspruch zwischen der ideologischen Anrufung der Familie und ihrer tatsächlichen Überforderung entstehen, dann lässt sich die materielle Grundlage des Hasses nur auflösen, wenn alternative Modelle zu Familien und Geldbeziehungen entwickelt werden. Das gleiche gilt für Nationalismus und Rassismus. Wenn sie ein exklusives Sicherheitsangebot gegenüber der Konkurrenz des Marktes machen, lässt sich ihnen nur

beikommen durch die Rekonstruktion unserer ökonomischen Beziehungen. Nur eine solidarische Ökonomie vermag die allgemeine Angst nachhaltig zu reduzieren.


Im Tausch gegen Unterordnung

Die Weltwirtschaftskrise vor zehn Jahren hat das neoliberale Versprechen auf den Erfolg des Individuums in der allgemeinen Konkurrenz nachhaltig beschädigt. Vor diesem Hintergrund kehrt das hässliche Versprechen auf den Erfolg der Gruppe in der Konkurrenz der Geschlechter, der Nationen,

der „Rassen“ wieder. Aber auch das fordistische Versprechen auf Teilhabe am Wachstum im Tausch gegen Unterordnung lässt sich nicht wiederholen. Angesichts der drohenden Klimakatastrophe wissen wir, dass weiteres Wachstum keine Option mehr ist. Ökonominnen gehen davon aus, dass der Weltwirtschaft neue Krisen bevorstehen. Die großen Staatskredite, die zur Bekämpfung der letzten Krise aufgewendet wurden, werden sich in Motoren der nächsten Krise verwandeln. Keins der

kapitalistischen Modelle, das faschistische, das fordistische oder das neoliberale, können in dieser Situation Antworten geben. Jetzt muss die Kooperation an die Stelle der Konkurrenz treten so wie demokratische Commons an die Stelle des Privateigentums an Produktionsmitteln. Die Hoffnung, die eigenen Privilegien zu sichern durch den gewaltsamen Ausschluss der anderen, lässt sich unter der Bedingung globaler Interdependenz nicht mehr realisieren. Wahre Sicherheit besteht nicht darin, hinter einer Alarmanlage zu schlafen, sondern keine Angst vor den anderen haben zu müssen. Das jedoch ist kaum möglich, solange die grundlegenden Beziehungen, durch die wir miteinander verbunden sind, Beziehungen der Indifferenz und Konkurrenz sind. Schon deshalb ist das einzige Versprechen, das heute noch zu überzeugen vermag, das Versprechen auf eine universelle Solidarität, das weder an den Grenzen des Privateigentums endet noch an denen der Nation. Gegen die Angst, die die kapitalistische Produktionsweise unaufhörlich erzeugt, zielt es auf Sicherheit, allerdings nicht auf die begrenzte Sicherheit der wenigen, sondern auf Sicherheit für alle.


Bini Adamczak arbeitet als Autorin in Berlin. Neben ihrer queertheoretischen Forschung ist sie vor allem als Kritikerin von Stalinismus und autoritärem Kommunismus bekannt geworden. Ihre

Bücher sind in unzählige Sprachen übersetzt. Zuletzt erschien „Beziehungsweise Revolution. 1917, 1968 und kommende“ in der Edition Suhrkamp.


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