Vierte Welt | gesellschaften [ In Gründung* ]


Veranstaltungsreihe | Jeden letzten Montag im Monat

politiken


Übungen für ein Politischen Denken, das die Fähigkeit der KRITIK zur Unterbrechung und Zäsur zurückgewinnt und der Idee der Freiheit, Gleicheit und Schwesterlichkeit Solidarität verpflichtet ist: Und damit denjenigen, die keine-Stimme-haben.


Initiiert von Dirk Cieslak - Lukas Franke - Stefan Hölscher - Nicolas Siepen - Christoph Wirth


politiken

warum/wohin


Die Politik in der Ära des Neoliberalismus scheint in einen neuen planetarischen Chauvinismus zu transformieren. Begleitet von hysterisch vorgetragenen Versprechen auf Souveränität, Macht und Aneignung kehren Phantasmen vom Mann-Männlichen und von Gewalt, Grenze, Gott, Volk, Identität und Rasse aggressiv zurück. Die Krisen der Ökonomie und der Ökologie spitzen sich unterdessen zu, politische Ordnungen werden fragil. Die Angst-Lust vor der Katastrophe ist zum allgegenwärtigen Grundrauschen geworden, Gesellschaftlichkeit als solche scheint zur Disposition zu stehen.


Was tun? Die in der Moderne und Postmoderne entstandenen kritischen Instrumente und sozialen Praxen erscheinen im Angesicht dieser Entwicklungen seltsam kraftlos und reaktiv oder verzehren sich in aktivistischen und identitären Engführungen. Es liegt auf der Hand: Politisches Denken, das sich Aufklärung, Befreiung und Selbstbestimmung verpflichtet sieht, muss sich neu sortieren.


Im assoziativen, offenen und zuweilen ausufernden Gespräch wollen wir mit politiken gemeinsam – in den sozialen Formen der Begegnung und im Habitus – ein gesellschaftendes politisches Denken entfalten und einüben, das einen Raum der politischen Kritik schafft, in dem Potentiale zur Unterbrechung und Zäsur sichtbar werden. Um die Frage zu beantworten, wie wir unserer Verpflichtung auf die Idee der Emanzipation, Freiheit und Gleichheit und damit auf die, die keine-Stimme-haben überzeugend nachkommen können, müssen wir das Politische an die Grenzen zur Kunst und zur Philosophie dehnen. politiken nimmt die Auseinandersetzung mit den Zurichtungen und Verwüstungen der neoliberalen Ära auf, die die Vierte Welt u.a. mit den Reihen „Im Toten Winkel“ und „Theoriekantine“ begonnen hat und kann als Frage danach verstanden werden aus welcher Praxis ein Programm entstehen kann, das dieser Prämisse treu bleibt. Dabei verstehen wir die Reihe als eine nicht-kuratierte, offene Veranstaltung, die sich darum bemüht, den Jargon des linken Diskurses nicht zur Bedingung für Teilhabe werden zu lassen.  


Ausgehend von einer formulierten Frage an einen Text, einen Film, ein Artefakt werden wir uns als Nicht-Wissende begegnen, um uns überraschen zu lassen, wo gemeinsames – gesellschaftendes – Denken und Sprechen uns hinführt. Vier Stunden sind dabei unser, die gängigen Konsumtions-Gewohnheiten bewusst unterlaufendes, Zeitmaß. Das Thema jeden Abends wird im Vorfeld online zur Diskussion gestellt und entschieden.  




archiv


#3 | Mo. 29.04.19 | 18-22 Uhr

HEIMAT

Klaus Theweleit hat kürzlich formuliert “Heimat” bedeutet die Tyrannei der Mehrheit, ”Lynchjustiz und damit prinzipiell Erlaubnis zum Mord”. Gerade weil es sich bei der “Heimat” am Ende bloß um ein Gefühl handelt, drängt sich die darin lauernde Brutalität auf. Ein von der Mehrheit geteiltes “Gefühl” bestimmt was “Heimat” ausmacht. In der Heimat gibt es keine Institution, keine höhere Instanz auf die sich die Minderheit, die im Namen von “Heimat” unterdrückt oder ausgeschlossen wird, berufen könnte. "Heimat" operiert in ungezählten Varianten und vollzieht dabei immer die Trennung von Innen und Aussen: markiert wer dazu gehört und wer nicht. Mein Datschen Nachbar erklärt mir am letzten Wochenende: “Probleme machen immer nur die, die von Aussen kommen” - vor allem die zu-gereisten Berliner. Wir hier verstehen uns alle, da gibt es keine Probleme” *). Ein völlig banales Beispiel für einen Realitätsmodus, der sich, Dank eines in der Öffentlichkeit wieder Salonfähig gewordenen Begriff “Heimat”, erneut politisch zu manifestieren vermag. Nach dem die alte muffig enge, bigotte “Heimat” und der vom Revanchismus im Mund geführte Kampfbegriff “Heimat” spätestens in den 80er Jahren in den Anti-Heimat-Erzählungen aufgegangen war, bzw. durch die Ost/West Versöhnungspolitik obsolet wurde, kehrt “Heimat” nun als “Grundrauschen” in den gesellschaftlichen Raum zurück: Als eine absolut flexible Variable der Affekt-, Gefühls- und Identitätspolitik.  

Heimat kommt durchaus auch modern und sexy daher, erfindet sich im tätowierten Körper als fantastischer Tribalismus. Am einen Ende modernisierte völkische Ideologie, am anderen Ende das ästhetisch hochgetrimmte Magazin vom Landleben und das Straßenfest im komplett gentrifizierten Kiez, der sich selbst in seiner moralisch- kulturellen “Überlegenheit” feiert. Die zwei Enden der Variablen biegen sich, bis sie Hände schütteln können - zwischen ihnen bewegen sich fast alle politischen Schattierungen von rot über grün bis bayrisch blau. Sie ringen darum die wahren Heimatliebenden, die besseren Deutschland- liebhaber*innnen, Gefühls- und Emotions-versteher*innen zu sein; und alle sind gesegnet durch ein Bundesministerium für die Heimat ** im Bundesland NRW sogar vertreten durch einen eigenen Heimatbotschafter des Landes: Heino. Heino (80) zeigt sich auf seiner Webseite ganz in schwarz mit einem "fetten" Totenkopfamulett in Silber.

Sollten wir den Begriff “Heimat” nicht konsequent Typen überlassen deren Namen wir hier nicht nennen wollen? Nimmt man das Wort "Heimat" in den Mund, steckt man dann nicht schon bis zum Hals in der Scheiße? Was ist eine Politik die Lokalität des Lebens nicht als Gegensatz zu “Globalität” erfährt und begreift? In diesem Sinne: Was “Heimat”? Schnauze!


*) Diese Aussage ist völliger Unsinn, da gibt es ordentliche Konflikte und Streit unter den "Einheimischen".

**) Was hat ein ideologischer Kampfbegriff im Namen eines Ministeriuums der Republik zu tun? Wer hat das nicht verhindert?

dic

Am Ende von politiken im März haben wir als Modus unserer Zusammenkünfte beschlossen, dass jede*r eine Frage mitbringen sollte die wir am Anfang unserer Treffen kurz in der Runde vorstellen.

Als ein Material für politiken im April empfehlen wir den folgenden Radiobeitrag von Jolande Fleck auf rabanradio.com:

Alle sprechen über Heimat aber keiner darüber warum

Wer nicht alle drei Stunden hören möchte: Die Interviews mit Thorsten Mense 00:41:30 bis 01:04:00 und Thomas Ebermann 01:08:00 bis 01:33:00 sind ein guter Einstieg in das Thema.

Jolande Fleck hat, motiviert durch die Arbeitskonferenz »Bekenntnis zur Heimatlosigkeit« im Oktober 2018 in Hamburg, ein Radio-Feature zu Heimat und der Kritik an ihr produziert. Mit viel guter Musik, Hörstücken sowie Interviews u.a. mit Thomas Ebermann, Thorsten Mense und Richard Pfützenreuter (»Enemies of Gemütlichkeit«).



#2 Mo. 25.03.19 | 18-22 Uhr

Freie Kooperation

Dass alle Menschen frei und gleich an Rechten geboren werden, ist die Grundlage der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte, die es zwar zu einiger Bekanntheit gebracht hat, deren Umsetzung jedoch zu wünschen übrig lässt. Das gilt umso mehr für ihre Vorläufer etwa in der Französischen Revolution, wo Freiheit und Gleichheit weniger als Gegensatzpaar denn als einander bedingend und unteilbar gedacht wurden. Auch den frühen Theoretikern der bürgerlichen Gesellschaft wie etwa Rousseau oder Montesquieu galten Freiheit und Gleichheit als Grundlagen legitimer Herrschaft, die sie stets als notwendig und unausweichlich voraussetzten. Andere waren da radikaler: Wer Freiheit und Gleichheit radikal zu Ende denkt, muss Herrschaft in jedweder Form ablehnen. In diese Richtung geht zumindest Christoph Spehr in seinem Text "Gleicher als andere. Grundlegung der freien Kooperation", der eine libertär-anarchistische Fundamentalopposition nicht nur zum herrschenden System sondern letztlich zu allen Formen von Herrschaft vertritt. Kompromisse sind Spehr zufolge nicht etwa als hohe Kunst der Politik sondern stets als faul zu betrachten, seine "freie Kooperation" ist ein Utopia, in dem alle Menschen zu jedem Zeitpunkt das tun können, was sie gerade wollen, ohne dass es intervenierende Instanzen gäbe. Spehr plädiert für die Freiheit des Eigensinns und die Gleichheit im Unsinnigen als Fluchtpunkt einer "Gesellschaft der Freien und Gleichen", die letztlich auch Gesellschaftlichkeit ablehnt und zugunsten einer neuen Form von Gemeinschaft überwinden möchte.  


Ausgehend von diesem radikalen Ansatz wollen wir dem Zusammenhang von Gleichheit und Freiheit nachgehen. Wir wollen nach dem Wesen des Politischen und des Gesellschaftlichen unter den Bedingungen radikaler Herrschaftsfreiheit fragen und diskutieren, ob radikale anarchistische Ansätze im Angesicht einer dystopisch empfundenen Gegenwart Perspektiven für eine bessere Gesellschaft eröffnen können.


Material: Textauszug: Christoph Spehr „Gleicher als andere. Grundlegung der freien Kooperation“

Karl Dietz Verlag Berlin, 2003 | Volltext:  https://www.rosalux.de/fileadmin/rls_uploads/pdfs/Publ-Texte/texte9.pdf



#1 Mo. 25.02.19 | 18-22 Uhr

Apokalypse

Zukunft können wir uns nur noch als Untergang der Welt vorstellen: in phantastisch animierten Bildern, in weißen Räumen, in staubigen endlosen Weiten oder im Slum. Die Gegenwart ist dominiert von einer endlosen Summe an Phänomenen, Szenarien und Ereignissen die auf ein apokalyptisches oder dystopisches Zukunftsszenario verweisen. Zizek fragt, was ist wenn die Natur keine Optionen mehr vorhält mit der die Krise der Ressourcen zu überwinden ist? Wenn nach dem Öl nichts mehr da ist. Wenn die tief in unser historisches Bewußtsein eingeschriebene Erfahrung: Die Natur weiß sich zu helfen - nicht mehr stimmt? Vilem Flusser hat in den 70er Jahren in seinen Nachgeschichten ein Bild des Westens als riesige Müllhalde aus dysfiunktional gewordenen Institutionen am Rand eines Abgrundes gezeichnet, das kurz davor ist in die Tiefe zu stürzen. Der Neoliberalismus war die politische Antwort auf diese herumgeisternden Szenarien, die uns heimzusuchen drohten: Die allgemeine Mobilmachung wurde ausgerufen und der Krieg alle gegen alle eröffnet.


Der Wahnsinn, dem wir in den politischen Debatten der Gegenwart ausgesetzt sind, dient vor allem der Verdrängung, dem nicht wissen wollen. Widersetzen wir uns dabei nur dem "Ziel der Geschichte der Menschheit, die immer auf immer weitere Vereinigung zusteuert" wie der  israelische Historiker Yuval Noah Harari es behauptet?

Link: Bini Adamczak | Zur Zukunft der Welt: Die Versprechen der Gegenwart

Für regelmäßige aktuelle Infos/Material zum jeweil

Mai

Mo. 27.5.19 | 18-22 Uhr


Antisemitismus revisited


...; existierte der Jude nicht, der Antisemit würde ihn erfinden.

Jean Paul Satre, Zur Judenfrage

Zitiert nach: https://www.staff.uni-giessen.de/~g31130/PDF/antisemitismus/ SartreUeberlegungen.pdf


...Es ist Yom HaShoah in Israel, Holocaustgedenktag. Israels Präsident Reuven Rivlim und Premierminister Benjamin Netanjahu warnen vor einem neuen Antisemitismus, der weltweit um sich greife. „Rechtsextreme, Linksextreme und extreme Islamisten sind sich nur in einem einig: ihrem Hass auf Juden“, so Netanjahu. Rivlin sagt: „Wir sind nicht am Rande eines neuen Holocaust. Aber wir können diesen alten neuen Antisemitismus, der durch Einwanderungswellen, Wirtschaftskrisen und politische Enttäuschung angeheizt wird, nicht ignorieren.“ Oft werde dieser Antisemitismus mit Kritik an Israel gerechtfertigt. Für Rivlin eine Ausrede: „Man kann nicht Israel hassen und die Juden lieben, genauso wenig wie man Juden hassen und Israel lieben kann.“

Zu den Gästen zum Holocaustgedenktag zählt auch eine kleine deutsche Delegation. Fünf Unternehmenschefs sind nach Jerusalem gereist, um ihre Spende – jeweils eine Million Euro – für die Erweiterung der Gedenkstätte Yad Vashem zu überreichen. Es sind der Fußballverein Borussia Dortmund, Daimler-Benz, die Deutsche Bahn, Deutsche Bank und Volkswagen. Initiator ist der Deutsche Freundeskreis Yad Vashem unter Leitung von Ex-Bild-Chefredakteur Kai Diekmann.

Berliner Zeitung, Das beschämt uns bis heute, 5.Mai 2019



Anti-Semitism has become a section of today’s political Venn diagram where the far right can intersect with parts of the far left, Europe’s radical Islamist fringe, and even politicians from America’s two main parties.

That confluence is new, experts say, as is the emergence of an Israeli government that has sidled up to far-right allies who praise Israel even as they peddle anti-Semitic prejudice at home.

“It creates a landscape that is very confusing and where things are more blurry than in the past,” said Samuel Ghiles-Meilhac, an expert on Jewish history at the Institut d’Histoire du Temps Présent, a government-funded research group in France.

New York Times, Anti-Semitism Is Back, From the Left, Right and Islamist Extremes. Why?, 4.April 2019

https://www.nytimes.com/2019/04/04/world/europe/antisemitism-europe-united-states.html