28.10.19

Adolf Twittler

Was ist, wenn mediale Kunstfiguren oder Phantasmen der kollektiven Triebsteuerung die Macht übernehmen?   Georg Seeßlen 2017



30.09.19

Our house is on fire - or is it?

Nothing is more unlikely than the degree to which the peculiar or even obsessive protest of a teenage girl at her school in Sweden has come to be the incarnation of world outrage at the politico-ecological suicide that capitalist society is currently committing


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program from first test and development phase of public research Feb. 2019 - June 2019

Programm der ersten Test/Entwicklungsphase von public research, Feb. 2019 - Juni 2019


#5 | Mo. 24.6.19 | 18:00 - 22:00 Uhr

Die Eins/Null-Religion

Kalifornische Ideologie und metrische Lebensführung


Kalifornien ist nicht nur Eldorado der Surfer und Hippies, es ist seit jeher auch Heimstatt einer eigentümlichen Verbindung von counter culture und Kapitalismus. Ausgeprägte Technikgläubigkeit geht einher mit ebenso ausgeprägter Ablehnung staatlicher Eingriffe, radikale Selbstverwirklichung vermischt sich mit bedingungslosem Glauben an den selbstregulierenden Markt. Resultat dieser nur scheinbar widersprüchlichen Verbindungen ist, was Richard Barbrook und Andy Cameron 1995 als „kalifornische Ideologie“ bezeichneten:


„Am Ende des 20. Jahrhunderts vollzieht sich schließlich die lange prophezeite Konvergenz der Medien, der Computer und der Telekommunikation zu einem Hypermedium. Wieder einmal ist die unermüdliche Begierde des Kapitalismus, die kreativen Kräfte des Menschen zu diversifizieren und zu intensivieren, auf dem Sprung, die Weise, wie wir arbeiten, spielen und zusammen leben, qualitativ zu verändern. Durch die Integration verschiedener Technologien mittels gemeinsamer Protokolle wird etwas erzeugt, was mehr als die Summe seiner Teile ist. Wenn die Fähigkeit, unbegrenzte Mengen an Information jeder Form zu schaffen und zu empfangen, mit der Reichweite globaler Telefonnetze verbunden wird, können sich bestehende Arbeits- und Freizeitformen grundlegend verändern. Neue Industrien werden entstehen und Favoriten des Aktienmarktes werden weggespült. Während solcher Zeiten eines tiefen sozialen Wandels wird jedem, der eine einfache Erklärung der Vorgänge anbieten kann, mit großem Interesse gelauscht. In diesem entscheidenden Augenblick hat ein loses Bündnis von Autoren, Hackern, Kapitalisten und Künstlern die Definition einer heterogenen Orthodoxie für das kommende Informationszeitalter geschaffen: die kalifornische Ideologie.“ (1)


Dem Soziologen Oliver Nachtwey zufolge ist diese kalifornische Ideologie nicht nur – in Anlehnung an Max Webers „protestantische Ethik“ als Geist der Industriekapitalismus – der Geist des digitalen Kapitalismus geworden, sie erhält, auch in Anlehnung an Max Weber, in ihrer Grundstruktur religiöse Züge. Nachtwey: „Im digitalen Zeitalter ist nun – so die Hauptthese meiner Forschung – ein neuer Geist des Kapitalismus entstanden, der im Silicon Valley geboren wurde. Die Digitalisierung ist mehr als eine Technologie, sie ist ein Ideologisch-Imaginäres eines Kapitalismus, der sich neu erfindet. Der Kapitalismus brauchte von Beginn an eine außerökonomische ideelle Triebfeder, einen Geist. Im digitalen Zeitalter ist ein neuer, polytheistischer Geist des Kapitalismus entstanden, der im Silicon Valley geboren wurde. Dieser Geist ist ein transnationales Phänomen, das die digitale Transformation von Wirtschaft und Lebensführung antreibt und sich lokal auswirkt.“ (2)


Diese seltsame Transzendenz der gegenwärtigen Ökonomie bedingt aber noch ein weiteres: Wenn Ablauf und Organisation unseres sozialen und ökonomischen Lebens weitgehend von digitaler Technologie übernommen und überwacht werden, spricht Nachtwey von einer metrischen Lebensführung, die ihn in seiner Orientierung an einer höheren Macht an das Mittelalter erinnere. Auch der Soziologe Dirk Baecker, der einer ganz anderen Traditionslinie als Nachtwey entstammt, attestiert dem digitalen Zeitalter eine neue „Verrätselung der Welt“, die er etwa an der Selbstauslieferung an digitale Dienste wie Navigationsapps ausmacht.


Wie total ist der Zugriff dieser neuen Macht auf unser Leben? Wie gefährlich ist er für demokratische Gesellschaften? Tragen Google und AirBnB am Ende tatsächlich zur Verbesserung der Welt bei? Wie verändert sich das Politische unter den geschilderten Bedingungen?


1) https://www.heise.de/tp/features/Die-kalifornische-Ideologie-3229213.html


2) https://www.youtube.com/watch?v=TlEK9Nrqk2g


LF.


#4 | Mo. 27.5.19 | 18-22 Uhr

Antisemitismus revisited

...; existierte der Jude nicht, der Antisemit würde ihn erfinden.

Jean Paul Satre, Zur Judenfrage

Zitiert nach: https://www.staff.uni-giessen.de/~g31130/PDF/antisemitismus/ SartreUeberlegungen.pdf


Am 10. Juni 1967 endet der Sechstagekrieg mit einem Sieg der israelischen Armee. Damit beginnt ein weltweiter Disput darüber, wie der Staat Israel politisch zu bewerten sei. Untergründig spielt dabei der “alte” Antisemitismus seine Rolle. Am 25. Juli 1969 erscheint in der Zeit unter der Überschrift “Der Ehrbare Antisemit” 1) ein Essay von Jean Amery. Amery, ein Überlebender von Auschwitz, kritisiert dass der klassische Antisemitismus mit seinen Bildern vom krummbeinigen und riesen-näsigen Juden in neuer Gestalt erscheint: Als “Antiisraelismus” wird er im Osten dem “traditionellen Antisemitismus der slawischen Völker” aufgepfropft. Umgefälscht. Schlimmer, die unabhängige intellektuelle Linke des Westen übernimmt diese neue Gestalt des Antisemitismus. Sie befreit sich davon weiterhin Schuldgefühle in "falscher Währung" - der Bewunderung des feschen jüdischen Aufbau-Kollektivs- abzutragen. “Ein Glück, daß einmal der Jude nicht verbrannt wurde, sondern als herrischer Sieger dastand, als Besatzer.” Für Amery ist der Antisemitismus im Anti-Israelismus oder im Anti-Zionismus enthalten “wie das Gewitter in der Wolke”.

Amery markiert den neue Antisemitismus des Nachkriegs. Der von nun an versteckt, auf die vielfältigste Weise in unendlichen Masken erscheint. Heute wird das Wort Globalist oder internationales Finanzkapital als antisemitische Trope 2) erkannt. Jede Verschwörungstheorie ist per se Antisemitisch. Ein grenzenloses Betätigungsfeld für die Ordnungskräfte der Diskurse scheint sich zu öffnen. Kann ich die Philantropie des Finanzspekulanten Soros kritisieren ohne Antisemit zu werden? Warum sollte es mich interessieren das Soros Jude ist? Für den Juden Soros würde ich immer einstehen, für den Finanzspekulanten Soros niemals. Wie geht das?

Im Antisemitismus konkretisiert sich das große Andere:  An das man nicht erinnert werden mag - das man keinesfalls wissen und sehen will, das Angst auslöst und von dem man befreit sein will. Hass steigt hoch weil es keine 'Ruhe gibt'. Und dann steht zu befürchten, dass es sogar den kleinen Juden gibt, den kleinen Anderen, der in einem selbst rumort. Ha! Da wird klar warum der Antisemit zum Stein werden und den "Juden tot" sehen will, wie J.P. Sartre schreibt. Und das hat einen hohen Preis. Endlich Ruhe.


Unter der Überschrift “The New German Antisemitism” lässt am 21.05.2019 die NY Times 3), aus den eigenen persönlichen Erfahrungen heraus, den Deutschen und Juden Wenzel Michalski, Direktor von Human Rights Watch, Germany zu Wort kommen:

“… German society never truly reckoned with anti-Semitism after the war. Germany had restored synagogues and built memorials to the victims of the Holocaust, Wenzel said: ‘So for a lot of mainstream, middle-class people, that means: Weʼve done it. We dealt with anti-Semitism.ʼ But nobody really dealt with it within the families. The big, the hard, the painful questions were never asked.’ …”

Leider stellt sich im Artikel keiner dieser "großen, harten und schmerzhaften Fragen". Wir haben Wenzel Michalski geschrieben uns bitte ein paar Beispiele für dies Fragen zu geben. Wir hoffen er wird sie uns bis zum 27.5., 18:00 senden.


1) Jean Amery "Der ehrbare Antisemit": https://www.zeit.de/1969/30/der-ehrbare-antisemitismus


2) Guardian 6.19.2019 "Nigel Farage under fire over 'antisemitic tropes' on far-right US talkshow".

Trope oder Tropos ist in der Rhetorik eine Stilfigur: für einen Ausdruck wird ein verwandter bildhafter Begriff eingesetzt.


3) https://www.nytimes.com/2019/05/21/magazine/anti-semitism-germany.html


dic


#3 | Mo. 29.04.19 | 18-22 Uhr

HEIMAT

Klaus Theweleit hat kürzlich formuliert “Heimat” bedeutet die Tyrannei der Mehrheit, ”Lynchjustiz und damit prinzipiell Erlaubnis zum Mord”. Gerade weil es sich bei der “Heimat” am Ende bloß um ein Gefühl handelt, drängt sich die darin lauernde Brutalität auf. Ein von der Mehrheit geteiltes “Gefühl” bestimmt was “Heimat” ausmacht. In der Heimat gibt es keine Institution, keine höhere Instanz auf die sich die Minderheit, die im Namen von “Heimat” unterdrückt oder ausgeschlossen wird, berufen könnte. "Heimat" operiert in ungezählten Varianten und vollzieht dabei immer die Trennung von Innen und Aussen: markiert wer dazu gehört und wer nicht. Mein Datschen Nachbar erklärt mir am letzten Wochenende: “Probleme machen immer nur die, die von Aussen kommen” - vor allem die zu-gereisten Berliner. Wir hier verstehen uns alle, da gibt es keine Probleme” *). Ein völlig banales Beispiel für einen Realitätsmodus, der sich, Dank eines in der Öffentlichkeit wieder Salonfähig gewordenen Begriff “Heimat”, erneut politisch zu manifestieren vermag. Nach dem die alte muffig enge, bigotte “Heimat” und der vom Revanchismus im Mund geführte Kampfbegriff “Heimat” spätestens in den 80er Jahren in den Anti-Heimat-Erzählungen aufgegangen war, bzw. durch die Ost/West Versöhnungspolitik obsolet wurde, kehrt “Heimat” nun als “Grundrauschen” in den gesellschaftlichen Raum zurück: Als eine absolut flexible Variable der Affekt-, Gefühls- und Identitätspolitik.  

Heimat kommt durchaus auch modern und sexy daher, erfindet sich im tätowierten Körper als fantastischer Tribalismus. Am einen Ende modernisierte völkische Ideologie, am anderen Ende das ästhetisch hochgetrimmte Magazin vom Landleben und das Straßenfest im komplett gentrifizierten Kiez, der sich selbst in seiner moralisch- kulturellen “Überlegenheit” feiert. Die zwei Enden der Variablen biegen sich, bis sie Hände schütteln können - zwischen ihnen bewegen sich fast alle politischen Schattierungen von rot über grün bis bayrisch blau. Sie ringen darum die wahren Heimatliebenden, die besseren Deutschland- liebhaber*innnen, Gefühls- und Emotions-versteher*innen zu sein; und alle sind gesegnet durch ein Bundesministerium für die Heimat ** im Bundesland NRW sogar vertreten durch einen eigenen Heimatbotschafter des Landes: Heino. Heino (80) zeigt sich auf seiner Webseite ganz in schwarz mit einem "fetten" Totenkopfamulett in Silber.

Sollten wir den Begriff “Heimat” nicht konsequent Typen überlassen deren Namen wir hier nicht nennen wollen? Nimmt man das Wort "Heimat" in den Mund, steckt man dann nicht schon bis zum Hals in der Scheiße? Was ist eine Politik die Lokalität des Lebens nicht als Gegensatz zu “Globalität” erfährt und begreift? In diesem Sinne: Was “Heimat”? Schnauze!


*) Diese Aussage ist völliger Unsinn, da gibt es ordentliche Konflikte und Streit unter den "Einheimischen".

**) Was hat ein ideologischer Kampfbegriff im Namen eines Ministeriuums der Republik zu tun? Wer hat das nicht verhindert?

dic

Am Ende von politiken im März haben wir als Modus unserer Zusammenkünfte beschlossen, dass jede*r eine Frage mitbringen sollte die wir am Anfang unserer Treffen kurz in der Runde vorstellen.

Als ein Material für politiken im April empfehlen wir den folgenden Radiobeitrag von Jolande Fleck auf rabanradio.com:

Alle sprechen über Heimat aber keiner darüber warum

Wer nicht alle drei Stunden hören möchte: Die Interviews mit Thorsten Mense 00:41:30 bis 01:04:00 und Thomas Ebermann 01:08:00 bis 01:33:00 sind ein guter Einstieg in das Thema.

Jolande Fleck hat, motiviert durch die Arbeitskonferenz »Bekenntnis zur Heimatlosigkeit« im Oktober 2018 in Hamburg, ein Radio-Feature zu Heimat und der Kritik an ihr produziert. Mit viel guter Musik, Hörstücken sowie Interviews u.a. mit Thomas Ebermann, Thorsten Mense und Richard Pfützenreuter (»Enemies of Gemütlichkeit«).



#2 Mo. 25.03.19 | 18-22 Uhr

Freie Kooperation

Dass alle Menschen frei und gleich an Rechten geboren werden, ist die Grundlage der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte, die es zwar zu einiger Bekanntheit gebracht hat, deren Umsetzung jedoch zu wünschen übrig lässt. Das gilt umso mehr für ihre Vorläufer etwa in der Französischen Revolution, wo Freiheit und Gleichheit weniger als Gegensatzpaar denn als einander bedingend und unteilbar gedacht wurden. Auch den frühen Theoretikern der bürgerlichen Gesellschaft wie etwa Rousseau oder Montesquieu galten Freiheit und Gleichheit als Grundlagen legitimer Herrschaft, die sie stets als notwendig und unausweichlich voraussetzten. Andere waren da radikaler: Wer Freiheit und Gleichheit radikal zu Ende denkt, muss Herrschaft in jedweder Form ablehnen. In diese Richtung geht zumindest Christoph Spehr in seinem Text "Gleicher als andere. Grundlegung der freien Kooperation", der eine libertär-anarchistische Fundamentalopposition nicht nur zum herrschenden System sondern letztlich zu allen Formen von Herrschaft vertritt. Kompromisse sind Spehr zufolge nicht etwa als hohe Kunst der Politik sondern stets als faul zu betrachten, seine "freie Kooperation" ist ein Utopia, in dem alle Menschen zu jedem Zeitpunkt das tun können, was sie gerade wollen, ohne dass es intervenierende Instanzen gäbe. Spehr plädiert für die Freiheit des Eigensinns und die Gleichheit im Unsinnigen als Fluchtpunkt einer "Gesellschaft der Freien und Gleichen", die letztlich auch Gesellschaftlichkeit ablehnt und zugunsten einer neuen Form von Gemeinschaft überwinden möchte.  


Ausgehend von diesem radikalen Ansatz wollen wir dem Zusammenhang von Gleichheit und Freiheit nachgehen. Wir wollen nach dem Wesen des Politischen und des Gesellschaftlichen unter den Bedingungen radikaler Herrschaftsfreiheit fragen und diskutieren, ob radikale anarchistische Ansätze im Angesicht einer dystopisch empfundenen Gegenwart Perspektiven für eine bessere Gesellschaft eröffnen können.


Material: Textauszug: Christoph Spehr „Gleicher als andere. Grundlegung der freien Kooperation“

Karl Dietz Verlag Berlin, 2003 | Volltext:  https://www.rosalux.de/fileadmin/rls_uploads/pdfs/Publ-Texte/texte9.pdf



#1 Mo. 25.02.19 | 18-22 Uhr

Apokalypse

Zukunft können wir uns nur noch als Untergang der Welt vorstellen: in phantastisch animierten Bildern, in weißen Räumen, in staubigen endlosen Weiten oder im Slum. Die Gegenwart ist dominiert von einer endlosen Summe an Phänomenen, Szenarien und Ereignissen die auf ein apokalyptisches oder dystopisches Zukunftsszenario verweisen. Zizek fragt, was ist wenn die Natur keine Optionen mehr vorhält mit der die Krise der Ressourcen zu überwinden ist? Wenn nach dem Öl nichts mehr da ist. Wenn die tief in unser historisches Bewußtsein eingeschriebene Erfahrung: Die Natur weiß sich zu helfen - nicht mehr stimmt? Vilem Flusser hat in den 70er Jahren in seinen Nachgeschichten ein Bild des Westens als riesige Müllhalde aus dysfiunktional gewordenen Institutionen am Rand eines Abgrundes gezeichnet, das kurz davor ist in die Tiefe zu stürzen. Der Neoliberalismus war die politische Antwort auf diese herumgeisternden Szenarien, die uns heimzusuchen drohten: Die allgemeine Mobilmachung wurde ausgerufen und der Krieg alle gegen alle eröffnet.


Der Wahnsinn, dem wir in den politischen Debatten der Gegenwart ausgesetzt sind, dient vor allem der Verdrängung, dem nicht wissen wollen. Widersetzen wir uns dabei nur dem "Ziel der Geschichte der Menschheit, die immer auf immer weitere Vereinigung zusteuert" wie der  israelische Historiker Yuval Noah Harari es behauptet?

Link: Bini Adamczak | Zur Zukunft der Welt: Die Versprechen der Gegenwart





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