Archiv | Theoriekantine #6 | Thesenpapier | Ludger Schwarte

Schmerz oder Vernunft Was konstituiert plurale politische Subjekte?


In der neuen Ausgabe der Theoriekantine soll es um Ausgangspunkte und Grundlagen politischer

Artikulation und Assoziierung gehen. Was muß ich anderen unterstellen, um mit ihnen gemeinsam

handeln zu können? Mit wem kann ich überhaupt Gemeinschaften bilden? Wodurch qualifizieren sich

Subjekte zu koordiniertem politischem Handeln? Welche unterschiedlichen Eigenschaften müssen

Individuen aufweisen, um Gleichheit auch im Sinne des Anteils an Rechten zu beanspruchen?

Welche Pluralität und welches Unvernehmen ist dem politischen Streit um Gleichheit implizit? Wer

darf sich aus welchen Gründen überhaupt auf ein "Wir" berufen? Wodurch disqualifiziert sich jemand

definitiv? Und was versetzt Gruppen in die Lage, nicht nur kollektive Intentionen programmatisch in

die Welt zu setzen, sondern sie auch koordiniert und je einzeln zu realisieren? Wie können dabei

singuläre, individuelle, kaum zu versprachlichende Belange zur Geltung kommen? Im Hintergrund

dieser Fragen stehen einerseits neuere Theorien des Tier- und Pflanzenrechts, die auf die

Schmerzfähigkeit nichtmenschlicher Lebewesen rekurrieren, sowie Überlegungen zu dem, was

mit Vernunft gemeint ist, wenn diese voraussetzungslos allen (Menschen) zugesprochen werden

soll.


I.

Menschen genießen Rechte, vor allem das Recht auf körperliche Unversehrtheit, so daß sie nicht

getötet, versklavt, ihren Familien entrissen und ausgebeutet werden dürfen.  

Will Kymlicka und Sue Donaldson (Zoopolis. Eine politische Theorie der Tierrechte, Berlin 2013) sind

der Auffassung, daß der Mensch ein Tier unter Tieren ist und daß anderen Tieren zumindest eben

diese Rechte auch zustehen, weil sie Lust und Schmerz, Befriedigung und Enttäuschung verspüren

können. Sie wollen Haustieren Staatsbürgerrechte, Zwischenbereichstieren wie Mäusen, Ratten,

Spatzen, Waschbären oder Füchsen den Einwohnerstatus ähnlich Ausländern und den in der Wildnis

lebenden Tieren den Status territorialer Souveräne zuerkennen. Ähnlich begründet Tom Regan schon

seit Jahren die Forderung nach Tierrechten mit deren Fähigkeit, Schmerz zu empfinden und zu

artikulieren.


II.

Während diese Befürworter von Tierrechten ihren Gegnern gerne Speziesismus vorwerfen, basierend

auf der Hegemonie gattungstypischer Eigenschaften, sind sie doch selbst nicht davor gefeit, aus der

Tatsache, daß Tiere über Nerven und meist auch über ein Gehirn verfügen, abzuleiten, daß hierin

eine Leidensfähigkeit gründe, die Tieren ein Selbst verleihe, aufgrund dessen sie aus dem Status der

schützenswerten Sache heraus und in die Kategorie der jedenfalls potentiellen Subjekte

hineinrückten.




III.

Wenn es nicht die bloße Empfindungsfähigkeit, sondern die Artikulation von Schmerz ist, die ein

Selbst begründet, sind Kunstwerke womöglich dringlichere Kandidaten als Tiere, wenn es um die

Zuerkennung von Staatsbürgerschaft geht. Die Frage der Empfindungsfähigkeit verlagert die

Möglichkeit zur Bildung pluraler Kollektive auf die Frage nach Ästhetik und Anästhetik, nach

Sensibilität und Taubheit.


IV.

Ist die Empfindungsfähigkeit von Lust und Schmerz als Basis eines Selbst denn tatsächlich

Ausgangspunkt und Grundlage politischer Artikulation und Assoziierung? Ist es nicht vielmehr das

Vermögen eines Individuums, mit anderen gemeinsam zu handeln? Wir können uns nur dann mit

anderen zusammen schließen, wenn wir und diese anderen dazu in der Lage sind, uns zu

verständigen, zu kooperieren und, mehr noch, gemeinsame Ziele zu verfolgen.


V.

Gemeinsam handeln ist nicht identisch mit dem koordinierten Verhalten, das Schwärme, Roboter

oder, auf andere Weise, Menschen mit ihren Haustieren an den Tag legen. Auch das korrekte

Befolgen gemeinsamer Regeln halte ich für unzureichend: mit jemandem, der in einer

außergewöhnlichen Situation nicht in der Lage ist, in Absprache mit anderen abzuweichen von dem,

was dieStraßenverkehrsordnung vorschreibt, möchte ich möglichst kein Team bilden.


VI.

Wenn von gemeinsamem oder gar von gemeinschaftlichem Handeln die Rede ist, schwingt mehr

oder anderes mit, als die bloße Koordination oder anscheinend geteilte Ziele. Die Begriffe

Gemeinsamkeit oder Gemeinschaft sind nicht unschuldig, womöglich gibt es bessere. Es reicht aber

womöglich, darauf hinzuweisen, daß die sich assoziierenden, kollektive Intentionen ausbildenden

Singularitäten notwendig nicht selbig, sondern plural, different sind, wenn überhaupt von einem „Wir“

im Gegensatz zum „Ich“ die Rede sein soll. Die Verschiedenartigkeit von Eigenschaften dieser

Singularitäten muß also auch bei der Suche nach den Qualifikationen mit bedacht werden, die etwas

oder jemand erfüllen muß, um Anspruch auf Teilhabe oder Teilnahme erheben zu können.


VII.

Dasselbe Prinzip gilt es auch hinsichtlich des Gerechtigkeitsgedankens im Sinn zu behalten: Ebenso

wie es nur dann sinnvoll ist, von einem kollektiven Subjekt zu sprechen, wenn damit dessen

prinzipielle Heterogenität impliziert ist, müssen Individuen differente Eigenschaften aufweisen, um

Gleichheit auch im Sinne des Anteils an Rechten zu beanspruchen; denn Selbigkeit könnte einen

Anspruch nicht rechtfertigen; nur Vergleichbarkeit kann dies.


VIII.

Pluralität und damit ein unvermeidliches Unvernehmen (eine andere Welt, auf die sich die Rede

bezieht und die die Wahrnehmung und den Sinn der Worte prägt) wohnen dem politischen Streit um

Gleichheit immer inne. Sie sind Voraussetzung, nicht das Problem, der Assoziierung und

Kooperation.


IX.

Was folgt aus diesem Unvernehmen für den Vernunftbegriff, wenn Vernunft, und nicht Betroffenheit

oder geteilter Schmerz, dasjenige sein soll, worauf man sich, auch gegenüber oder in Anlehnung an

gänzlich Fremde(n), auf ein „Wir“ beruft? Vermutlich zumindest dies: Vernunft ist etwas, das

voraussetzungslos allen (Menschen) zugesprochen werden muß, nicht (nur) weil sie in der Lage sind,

nach Gründen zu handeln (oder ein Tun zu unterlassen) und diese Gründe auszuweisen, sondern

weil sie die Verschiedenartigkeit von Gründen zum Ausgangspunkt eines gemeinsamen Handelns

machen können, indem sie sich über ihre eigenen Gründe hinweg setzen.


X.

Jemand disqualifiziert sich definitiv, der taub und vernunftlos agiert, d.h. weder einen Sinn für den

Schmerz, die anders geartete Sensibilität der Anderen aufbringt noch in der Lage ist, seine eigenen

Gründe zugunsten der Kooperation mit anderen zurück zu stellen.


XI.

Nur dadurch werden Gruppen in die Lage versetzt, nicht nur kollektive Intentionen programmatisch in

die Welt zu setzen, sondern sie auch koordiniert und je einzeln zu realisieren, wenn die singulären

Akteure, aus denen sie bestehen, nicht nur das eigene Verständnis des gemeinsamen Plans

aufzunehmen und praktisch umzusetzen, sondern auch die je differenten der Pluralitäten, wo nicht zu

antizipieren, so doch zumindest zu unterstellen.


XII.

Diese Fähigkeit kann potentiellen Akteuren zugesprochen werden, doch besteht ein Unterschied

darin, ob sie, wie im Fall des Fötus, nach einer Dauer tatsächlich erlangt werden kann (temporal)

oder aber ob die Potentialität kategorial die Erfüllung ausschließt, wie im Falle eines „Gehirns im

Tank“, das vielleicht denken und empfinden, aber nicht handeln kann.


XIII.

Wenn sich plurale politische Subjekte kaum durch abstrakte Einsicht, sondern einem Affekt, aus

dem Willen zur Intervention oder aus dem Gespür für ein konkretes Fehlen oder die erst aus der

Gemeinsamkeit erwachsende Macht, aber auch nur durch kommunikative Assoziation konstituieren,

die Vernunft voraussetzt und nicht erst ausbildet, so können bei dieser Konstitution nur dadurch

singuläre, individuelle, kaum zu versprachlichende Belange zur Geltung kommen, wenn die Praxis,

die durch diese Subjektkonstitution ermöglicht wird, ebenso wie die Konstitution selbst, plural ist: alle

tun Verschiedenes, reden Verschiedenes, und zielen genau deshalb auf ein Gemeinsames. Eine

etwas andere Bienenfabel, vielleicht.