WUNDERBLOCK



20 Jahre Lubricat – 20 Jahre Mauerfall – animierten im November 2009 Regisseur Dirk Cieslak und  Dramaturgin Annett Hardegen ihre Darsteller zu zwei gegensätzlichen Stückentwicklungen in einem Bühnenraum: Wunderblock #1 & #2.


„Das Neue ist entsetzlich, und wir selbst sind das Neue."

Vilém Flusser | Nachgeschichten | 1981


In Wunderblock #1 eröffnen die Spieler mit Texten von Alain Badiou, Dietmar Dath, Matias Faldbakken und Vilém Flusser eine philosophische Meditation: Wie entkommt man der kommerziellen Zirkulation, wie den erdrückenden demokratisch-liberalen Konsensdiskursen, in denen wir heute alle verzurrt sind. Bedeutet „Alles ist möglich“ in Wirklichkeit „Nichts ist möglich“? Wo ist das Leck?

Wunderblock 1 ist ein Tableau aus 6 heterogenen Kunstfiguren und einem Musiker. Als Ausgangspunkt war die Aufgabe formuliert zu untersuchen von welchen Ideen und Vorstellungen wir Ende der 80 Jahre mit unserer Theaterarbeit begonnen hatten und den Bogen in die Gegenwart des neuen Jahrtausend zu schlagen. Die vier gewählten Autoren beschreiben exemplarisch diesen Bogen von über mehr als 20 Jahren. Liest man Flusser, so ist es als wären die Gestalten aus Faldbakkens Romanen die Mutanten deren Geburt es beschrieben hat.

Für den Wunderblock 1 hatten wir die Idee ein “öffentliches Denken” zu inszenieren. Bzw. was kann öffentliches Denken sein gegen den erdrückenden demokratisch-liberalen Konsensdiskurs in dem wir heute verzurrt sind. Wir haben dabei auf die Abstraktion und auf eine komplexe Dichte der Textkomposition bestanden und vertraut. In ihr verbinden sich die politisch-historische Analyse des 20 Jahrhunderts von Badiou mit seinen radikalen Ruf nach einem neuen politischen Projekt für das 21. Jahrhundert, mit Abgesang Flussers auf die, nur noch in sich selbst kreisenden, westlichen Menschen, Daths wüsten und radikalen Verknüpfungen und Gedankenbögen, mit den konkreten Romanfiguren des misantrophischen Autoren Faltbakken, die wie eine Vision der letzten Menschen Nietzsches erscheinen.

Wir glauben das mit Wunderblock eine Form des politischen Theaters sichtbar wird das radikal in Form und Inhalt den Blick auf unsere Gegenwart wirft.



„... heutzutage darf man niemandem den Kopf streicheln – die Hand wird einem sonst abgebissen. Schlagen muss man auf die Köpfe, unbarmherzig schlagen – obwohl wir im Ideal gegen jede Vergewaltigung der Menschen sind. Hm, Hm, – unser Amt ist höllisch schwer."

Ronald M. Schernikau | Was macht ein revolutionärer Künstler ohne Revolution? | 1990


Wunderblock #2 ist ein theatrales Experiment, das formal den Antipoden zu Wunderblock #1 bildet. 5 Kunstfiguren die in dieser Zwischenwelt existieren sind, bilden wieder ein heterogenes Settingaus den Schriftstellern Brasch und Schernikau. Der Mutter von Schernikau als Text (Frau Binz). Einem 1885 geborenen Afrikaner. Einem Wächter. Der Afrikaner wurde immer wieder geboren und ist ein Mensch der Zukunft. Er ist der Gegenpol zu Brasch und Schernikau die in ihrer Gegenwart zwischen WEST und OST festgenagelt sind. Dazwischenexistenzen: Weder Westen noch Osten. Frau Binz ist großes leuchtendes Drama: hin- und hergezerrt zwischen der Liebe und Leidenschaft zu einem Mann im Westen und  der Liebe zu ihrem sozialistischen Kollektiv der Krankenschwestern trifft sie Entscheidungen und gestaltet ihr Schiksal. Fünf Darsteller entwickeln - in genau 75 Minuten - ihre “Figuren” immer wieder neu, dem Prinzip der Fuge folgend. Gibt es ein Entrinnen oder bleibt der Mensch ewig verfangen in sich selbst?



WUNDERBLOCK 1 ist in gewissen Sinn eine philosophische Meditation oder öffentliches Denken wie wir es bezeichnen. WUNDERBLOCK 2 ist das einüben in eine Figur oder ein Material um im Moment, ausgehend von einer gemeinsamen Situation eine Performance zu produzieren, in der das Ensemble gemeinsam musiziert.

Während im Wunderblock 1 der abstrakte Mensch auftritt, erscheint der Mensch im Wunderblock 2 konkret, fleischlich: Verfangen in sich selbst - in seiner seiner Herkunft, Biografie und in seiner Gegenwart.


Von und mit: Santiago Blaum, Dirk Cieslak, Annett Hardegen, Stephan Lohse, Ursula Renneke, Judith van der Werff, Wiebke Hensle, Katharina Meves, Lena Mody, Marketa Richterova, Pawel Schwejka, S.R. N'Sondé, Olf Kreisel, Volker M. Schmidt, Hendrik Unger


Eine Produktion von Lubricat theatre company in Kooperation mit Ballhaus Ost.


Gefördert durch den Regierenden Bürgermeister von Berlin – Senatskanzlei – Kulturelle Angelegenheiten und Nationales Performance Netzwerk/Kulturstiftung des Bundes


download:  Abendzettel | Neue Drastik | PDF


Videomitschnitt

Januar 2011