sale Ich will ein Kind haben

Dirk Cieslak I Konstanze Schmitt


In einer Kollaboration von Lubricat und Konstanze Schmitt verbinden wir das Theaterstück „Ich will ein Kind haben" des sowjetischen Schriftstellers Sergej Tretjakow von 1924 und die Stückentwicklung „sale"



Samenzelle und Sozialismus

…Milda, überzeugend verkörpert von Antje Widdra, … die Akteurin in "sale" (Mariel Jana Supka) eine virtuos agierende Aufziehpuppe … Während die sozialistische Utopie fremd ist, aber neugierig macht, ist die kapitalistische schöne neue Welt lediglich Objekt der Satire. [weiter]    

taz, 7.12.2011, Jessica Zeller


Prenzlzwergmutter gegen sowjetische Kulturfunktionärin

... wird einen klarer, warum Sarrazin mit seinen eugenischen Thesen bis ins grüne Milieu auf Zustimmung stößt... [weiter]    

freitag 20.1.12 | Peter Nowak


„sale" beschäftigt sich mit dem Kind als Ware. Von individuellem Kinderwunsch getrieben und durch diesen offensichtlich völlig legitimiert, existiert an den Rändern, den Übergängen zur Normalität und zum Alltäglichen ein exklusives Handelsgut. Die Produktion von Kindern ist Dienstleistung in globaler Arbeitsteilung geworden. Künstliche Befruchtung in Spanien, Eispende aus den USA, Leihmütter aus Indien usw. sind die modernen liberalen Wege zur Befriedigung des Kinderwunsches. Ende der 90er Jahre wurde Rumänien zum Supermarkt für Adoptionen in die USA, Spanien, Frankreich, Italien und Irland. Der ehemalige EU-Kommissar Verheugen sprach in diesem Zusammenhang von einer "Kinderbeschaffungspolitik". In den Zentren der Macht und des Reichtums können Kinder noch ganz konventionell per Katalog bestellt und bezahlt werden. Das Verlangen nach einem Kind wird auch von Sergej Tretjakow in seinem 1924 entstandenen Stück „Ich will ein Kind haben" thematisiert.

Hier ist es die vorbildliche Kulturfunktionärin Milda, die allerdings erst für die richtigen Voraussetzungen sorgen muss: der Erzeuger des Wunschkindes soll gesund und zu 100% Proletarier sein; wenn die Empfängnis vollzogen ist, ist der Vater nicht länger nötig. Er wird von Milda bloß als Mittel zur Erlangung der Mutterschaft gesehen, ganz pragmatisch und rational - aber keineswegs zynisch - als (Re-)Produzent engagiert. In Mildas neuem Begehren vereinigen sich ihr individueller Wunsch nach einem Kind und ihr Eifer zur Gestaltung einer neuen Gesellschaft. Sie ist eine Pionierin, der Prototyp der modernen sowjetischen Frau, die sich über moralische Schranken hinwegsetzt und sich selbst und ihre Bedürfnisse in den Dienst einer programmatischen Utopie stellt.

Die Kombination von Tretjakows „Ich will ein Kind haben" mit der Stückentwicklung „sale" setzt die beiden divergierenden Konzepte vom Kind als Ware und/oder Produkt in ein Verhältnis. Hier wie dort finden der behauptet natürliche Trieb nach Erhalt der Gattung oder die Biologie in einer radikalen gesellschaftlichen Überformung ihren Ausdruck: neue sozialistische Gesellschaft versus Liberalismus. Adoption, Kinderproduktion, das ideale Kind, In-vitro-Fertilisation usw. - das Kind erscheint als frei (ver-)handelbares Objekt im Raum der Ideologie, der Technik und Wissenschaft, des Konsums und der symbolischen Macht.


sale | Regie Dirk Cieslak I von und mit Mariel Jana Supka

Ich will ein Kind haben | Regie Konstanze Schmitt | von Sergej Tretjakow mit Antje Widdra

Raum Olf Kreisel | Kostüm Anika Schmitz | Video Ana Ticak | Produktionsleitung Hendrik Unger

Dramaturgie Annett Hardegen


Eine Produktion von Lubricat theatre company [at] Vierte Welt in Kollaboration mit Konstanze Schmitt.

Gefördert durch den Regierenden Bürgermeister von Berlin - Senatskanzlei - Kulturelle Angelegenheiten.


Trailer: Ana Ticak

Premiere | 25. November 2012